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Guitarra y Cigarra

Guitarra y Cigarra – Musikhochschule Köln meets „La Galana“

Am 13. November 2017 startet mein gemeinsames Salon-Musikprojekt mit Prof. Hubert Käppel (Hochschule für Musik und Tanz Köln). Studenten des Masterstudiengangs Klassische Gitarre geben regelmäßig an jedem ersten Montag im Monat – jeweils um 20:15 – eine Kostprobe ihres Könnens. Junge Interpreten, darunter zahlreiche Preisträger internationaler Wettbewerbe, spielen im La Galana Salon Musik der Extraklasse. Der Eintritt ist frei! Für die im Anschluss an die Konzerte stattfindende Rum- und Zigarren-Degustation wir eine Gebühr von 15,- € erhoben.

Aufgrund der begrenzten Plätze bitte ich um eine vorherige Anmeldung über La Galana:

La Galana Zigarrenmanufaktur & Salon
Venloer Str. 213
50823 Köln
info@zigarren-manufaktur.de

 

Johnny, wenn Du Geburtstag hast…

Knarrend öffnete sich die Eichentüre, als das Schrillen des Telefonapparates der klappernden Schreibmaschine Einhalt gebot, während sich aus dem Hinterzimmer durch’s Stimmgeraune Klavierakkorde bahnten. Rauchwolken kündeten von verbotenem Vergnügen, eine Frau sang. Es ging um Johnny…

(Live eingesungen und eingespielt von Annette Meisl und Sebastian Olles, das Lied basiert auf Friedrich Holländers ‚Johnny, wenn du Geburtstag hast“. Die Performance fand statt am  2. Oktober 17 im Zigarrensalon La Galana – Köln-Ehrenfeld. Produziert von Makvisiual Productions, Köln in Zusammenarbeit mit Timecode Productions, Athen. Darsteller Saskia Bettgenhäuser und Thomas Klein)

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La Galana – Musik pur!

Ab Donnerstag, den 7. September gibt es bei LA GALANA in Köln-Ehrenfeld wieder die beliebten wöchentlichen Salon-Musikabende mit Gesang (Annette Meisl) und Klavier (Natascha Fehling im Wechsel mit Max Blumentrath) und im Anschluss leckere Zigarren, dazu eine feine Verkostung von kubanischen Getränkespezialitäten. Beginn 20.15 Uhr. Ich freu mich auf euren Besuch!!!

Eure Annette

ZigarrenZone

Authentizität zwischen Haar und Havanna: Vasilij Ratej packt aus

Wie kamst du zur Zigarre? 

Es war etwa im Jahr 1996, als meine Frau einen Geschenkkorb von ihrer Firma nach Hause brachte. Er war gefüllt mit wirklich schönen Leckereien. Dabei war auch ein „Habanos“-Tubo. Welche Marke drin war, weiss ich nicht mehr. Meine Frau ging ins Büro und ich schnappte mir diese Zigarre. Ich zündete sie an und sie hat mir sofort geschmeckt. Nach einer Weile kam meine Frau ins Wohnzimmer, schnüffelte und frage: „Was stinkt denn hier so?“ Ja, dann war es auch schon vorbei mit Zigarrengenuss zu Hause.

Ich kaufte mir ein paar Tage später einen kleinen Humidor aus Plexiglas. Der war von Zino. Es war ein kleiner Einsteiger-Humidor. Es hatten etwa 10 Zigarren Platz. Ich versuchte verschiedene Marken und Formate. Im Verlauf der nächsten Monate kam ein grösserer Adorini-Humidor hinzu und kubanische Zigarren.

Was sind deine frühesten Erinnerung an Zigarren? 

Mein Grossvater hat Zigarren geraucht. Er wohnte in Izola (Slowenien). Im Sommer haben wir ihn immer besucht. Es war heiss und schwül und er schmauchte seine Tabakspfeifen und Zigarren. Ich kann mich erinnern, dass er mir die Anillas gab und ich zog sie über meine Finger. Das fand ich immer ganz schick – ich spielte dann immer „König“. Ich erinnere mich auch, dass die Zigarrenkistchen sehr bunt dekoriert waren. Als ich vor ein paar Jahren darüber nachdachte, vermutete ich, dass es sich um kubanische Zigarren hätte handeln können. Mein Vater erklärte mir aber, dass es Zigarren aus Mazedonien waren. So richtig glauben kann ich das aber noch heute nicht.

Was brachte dich dazu, darüber zu schreiben?

Etwa im Jahr 2013/2014, schrieb ich Christoph Läubin von www.zigarren-online.ch ein eMail. Ich fragte ihn rein Interessehalber, ob ich für seinen Blog Tastings schreiben soll. Eine spannende Reise fing für mich an. Ich verkostete doch recht viele Zigarren und schrieb die Berichte für ihn. Auf diese Weise lernte ich meine Geschmacksempfindungen auf Papier zu bringen. Wenn man so will, ist er an allem schuld. Auch am Dativ. 😉

Wann wurde die ZigarrenZone gegründet?

Die Website ging am 29.06.2014 online. Es steckte kein Ziel dahinter. Die Domain-Endung „Zone“ war damals noch relativ neu zu haben und ich dachte mir: Zigarren und Zone – das passt perfekt zusammen. Daraus ist dann www.zigarren.zone entstanden.

Wieviele Leser folgen dir?

Im Zeitraum vom 01.01.17 bis 30.07.17 hatte das Onlinemagazin 121’842 Leser.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Im Jahr 2015 wurde das Onlinemagazin so langsam bekannt. Die Reaktionen waren sehr positiv. Die Leser schätzten meine Art des Schreibens; oft etwas humorvoll und selbstkritisch. Wenn ich einen Fehler beim Rauchen machte, dann schrieb ich unverblümt davon. Das ist auch heute noch so. Später kamen dann auch Videoclips hinzu. Fast schon zum Klassiker ist der kurze Clip geworden, als ich zeige, dass Jet-Feuerzeuge zu stark für mich sind:

Was genau fasziniert dich am Rauchen?

Die Zigarre ist ein handgemachtes Produkt. Ich kann „runterkommen“ beim Zigarrengenuss. Ich wertschätze die Zigarre sehr und denke oft an die vielen Menschen, die beim Entstehen der Zigarre ihre Finger im Spiel hatten. Ich finde das überaus faszinierend. Noch faszinierender finde ich, wie sich eine Zigarre im Verlauf ihrer Lagerung verändert. Nach Monaten schmeckt sie oftmals anders. Und nach Jahren erst recht, vor allem die kubanischen Zigarren entwickeln sich. In meiner Sammlung habe ich ein Kistchen Henry Clay und ein Kistchen Partagas Derby. Beide wurden vor 1960 hergestellt. Man kann sie immer noch rauchen und dieser Geschmack ist faszinierend. Man kann sie überhaupt nicht mit frischen Zigarren vergleichen. So alte Zigarren schmecken einfach ganz anders.

Bist du ein Connaisseur?

Ein Kenner? Oh, ich schätze mein Wissen als gut Fortgeschritten ein. Da gibt es doch wesentlich bessere Kenner, als ich es bin. Ich lerne fast täglich hinzu. Gerade kürzlich zum Beispiel erklärte mir ein Tabakproduzent, woran es an der Zigarre liegen kann, wenn man einen trockenen Gaumen bekommt. Wenn zu viel Secco-Tabak verarbeitet wird (die untersten Blätter der Tabakpflanze) oder der Secco-Tabak noch zu frisch oder zu wenig lang fermentiert wurde, dann schreit der Gaumen: „Trinken, trinken!“ Solche Profis sind die echten Kenner, von denen ich oft lernen darf.

Du schreibst sehr präzise Degustationen, war dein Gaumen schon immer so fein?

Ich weiss noch, dass mir meine Mutter – es ist schon sehr viele Jahre her – einmal sagte: „Du hast nie fertige Babynahrung bekommen.“ Damals, als ich 1965 in Slowenien (ehemals Jugoslawien) geboren wurde, gab es schon fertige Babynahrung. Aber nicht in dieser Menge, wie es sie heute gibt. Damals wurde noch gekocht und für das Baby wurde die Nahrung „babygerecht püriert“. Meine Mutter vermutet, dass ich deshalb ein Feinschmecker geworden bin. Bei Zigarren habe ich meinen Gaumen noch mehr „kennen gelernt“. Ich beobachte sehr gerne was ich an Geschmack erkenne und versuche diese Eindrücke so gut es geht zu formulieren.

Trainierst du diese Wahrnehmungsfähigkeit des Gaumens? Und wenn ja wie?

Natürlich. Das ist sogar sehr wichtig. Vor jeder Degustation, bei dem ein Bericht folgt, schnallze ich die Zunge 50x nach oben und unten. Ganz schnell. Das „klackert“ lustig und lockert die Zunge. Dann spüle ich sie mit einem kräftigen Schluck Whisky. Nein – das ist natürlich Quatsch – HAHA!!! Im Ernst: Wenn ich ein Tasting schreibe, versuche ich meine Wahrnehmungsfähigkeit neu zu ergründen. Im Jahr 2016 nannte ich das „technisches Rauchen“. Ich konzentrierte mich auf den Zugwiderstand und welche Geschmacksnuancen ich erkennen kann. Das ist sehr analytisch und ist sehr anstrengend. Vielleicht mag man das gar nicht glauben. Etwa im Mai 2017 fing ich an das „technische Rauchen“ mit „Genussrauchen“ zu kombinieren. Wenn ich jetzt ein Tasting schreibe, dann steht der Genuss immer im Vordergrund. Ich nenne das „Genuss-Technik“. Hört sich furchtbar an, ich weiss. So analysiere ich den Geschmack zwar analytisch, aber geniesse dabei ganz bewusst die Zigarre. Der schönste Genuss ist allerdings für mich, wenn ich kein Tasting schreibe, sondern mich einfach der Zigarre hingebe. Ich sage dann gerne: „Ich lasse die Zigarre zu mir kommen.“

Hast du neue Freunde gewonnen durch ZigarrenZone? Erzähl mir ein oder zwei Beispiele.

Natürlich, eine Zigarre verbindet. Wobei „Freunde“ in unserem europäischen Sinne etwas zu viel gesagt ist. In den USA ist ganz schnell jemand ein „Friend“. Also in diesem USA-Sinn habe ich sehr viele Freunde gewonnen. Wir arbeiten sehr eng miteinander. Ich erhalte Hintergrundinfos, die ich hin und wieder für eine Story verwenden darf. Ich kann gar nicht alle aufzählen, denn es sind recht viele, die ich zu meinem ZigarrenZone-Expertennetzwerk zählen darf.

Wieviel Zeit verbringst du täglich mit dem Thema Zigarre?

Im Durchschnitt etwa zwei bis drei Stunden täglich. Samstag und Montag sind es dann jeweils pro Tag zwischen 8 – 10 Stunden. Etwas mehr ist es, wenn ich an der neuen Ausgabe meiner Onlinezeitschrift Flash Cigar arbeite (www.zigarren.zone/flashcigar).

Was machst du ‚eigentlich‘? Dein Beruf? 

Ich arbeite bei Hair Sun Intercoiffure in Basel im Backoffice. Ich mache die gesamte Administration, Werbung und Buchhaltung. Ich bin kein Friseur. Meine Lehre habe ich als Florist absolviert. Einige Jahre danach habe ich den Beruf jedoch an den Nagel gehängt und habe mich in Marketing und Psychologie intensiv weitergebildet.

Willst du dich irgendwann ganz der Zigarre widmen?

Sobald sich ein Mäzen findet, der das finanziert, sehr gerne 🙂 Allerdings glaube ich nicht daran, dass es einen solchen Menschen gibt. So, wie es jetzt ist gefällt es mir perfekt. Ich arbeite bei Hair Sun seit Anfang 2017 noch 60%, weil ich mich die restliche Zeit um ZigarrenZone kümmere.

Wie hat die Industrie auf dich reagiert?

Bisher sehr positiv. Sie schätzen meine ehrliche Kommunikation. Auch wenn mal etwas nicht stimmt mit einer Zigarre sprechen wir miteinander und finden immer eine Lösung.

Was ist, wenn du mal etwas kritisches schreibst?

Das muss ich – sonst bin ich unglaubwürdig. Obwohl einige Leser meinen, ich schreibe zu nett über die Zigarren, die ich verkosten darf. Das sehe ich ganz und gar nicht so. Fakt ist: Die Premium-Zigarren sind alle durchweg von sehr hohem Standard. Was soll ich also des Teufels Advokat spielen und nach jedem Krümelchen suchen? Dass hin und wieder mal etwas dabei ist, das nicht so toll ist, ist völlig normal – es ist ja ein Naturprodukt.

Ich nenne mal drei kritische Beiträge:

1) Die Lüge hinter Avo Greatest Hits 2001 – 2014 / http://www.zigarren.zone/die-luege-hinter-avo-greatest-hits-2001-2014/ Das Produkt suggeriert, dass es sich hierbei wirklich um Zigarren handelt, die in jenen Jahren aufgelegt wurde. Dem ist aber nicht so. Die Zigarren wurden nachträglich mit dem selben Blend hergestellt. Das habe ich scharf kritisiert. Die Reaktion von der Industrie? „Danke für deine ehrlichen Worte.“

2) Das Geheimnis hinter dem Problem mit der Davidoff Year Of The Rooster 2017 / http://www.zigarren.zone/das-geheimnis-hinter-dem-problem-mit-der-davidoff-year-of-the-rooster-2017/ Ich erhielt vier Zigarren vor dem Verkaufsstart um darüber zu schreiben. Drei davon waren Totalausfälle und eine war sensationell. Ich schrieb über diese eine Zigarre. Ich wusste, dass hier ein Problem besteht. Ich sprach mit Davidoff und mir wurde eine Lösung aufgezeigt. Ich testete die Lösung und sie funktionierte. Erst danach habe ich den Bericht veröffentlicht. Die Reaktion von der Industrie? „Danke für die ausgewogene Berichterstattung.“

3) H.Upmann Noellas Glas Jar eine Wiederauflage von 2013 / http://www.zigarren.zone/h-upmann-noellas-glas-jar-eine-wiederauflage-von-2013/ Diese Wiederauflage war im Jahr 2010 erschienen. Bei einem Habanos Specialist entdeckte ich diesen Jar mit dem Boxingdate 2013. Das grüne Siegel war gelasert und der Strichcode war entfernt worden. Das war ein Parallelimport in der Schweiz, das ist legal. Nach Recherchen stellte ich fest, dass die Kubaner im Jahr 2013 einfach eine erneute Wiederauflage davon machten. Aber kaum jemand wusste das. Ich bat den Parallelimporteur um Stellungnahme. Die Reaktion: „Vielen Dank für die ehrliche Berichterstattung.“ Interessant ist: Dieser Parallelimporteur lässt das Siegel nun unberührt.

Wie kamst du auf die Idee, eine Lounge aufzumachen?

Mein Bauchgefühl sagte mir: „Das wäre das richtige, damit du eine schöne Umgebung hast um über Zigarren zu schreiben.“ Es dauerte etwa ein Jahr, bis ich die geeignete Location gefunden habe. Das ist mein Refugium. Hier ziehe ich mich zurück und arbeite an ZigarrenZone und an Flash Cigar. Hin und wieder habe ich Gäste (Leser und aus der Industrie). Das war der Sinn, damit man sich persönlich auch kennenlernen kann.

Warum ist sie so klein? 

ZigarrenZone ist ein Privatprojekt, mir ist das völlig ausreichend. Knapp 40m2 sind ideal für mich. 5 Plätze in der Lounge, ein Schreibtisch, ein PC – perfekt. Mehr brauche ich nicht. Auf diesen 40m2 entsteht alles, was man bei ZigarrenZone lesen und sehen kann.

Wie wird sie angenommen?

Hervorragend. Alle Gäste waren bisher sehr begeistert.

Erzähl mir eine Beispielabend bei dir in der Lounge.

Ich nenne einen solchen Abend „Late Hour Smoke“. Es kommen vier angemeldete Gäste zu mir um 21.15 Uhr. Beim ersten Abend war kurz vor 2 Uhr Früh Schluss. Wir verkosten blind eine Zigarre. Also, ich meine, jeder hat eine Zigarre zum rauchen 🙂 Wir unterhalten uns darüber, wie sie einem schmeckt. Wir trinken dazu schöne Rums oder Whisky, Cola, Wasser, Kaffee… Es gibt ein paar Häppchen dazu. Wir unterhalten uns dann auch über andere Themen. Jeder kann etwas von seinen „Plagegeistern“ erzählen und man erkennt: Ah, der hat das selbe Problem wie ich. Wir sprechen davon, ob und wie man so was lösen kann. Im Hintergrund läuft kubanische, karibische oder Lounge-Musik. Alles ganz entspannt und auch lustig. Und natürlich sprechen wir viel über Zigarren. Dann, etwa nach einer Stunde lüfte ich das Geheimnis der Zigarre. Wir machen Fotos und veröffentlichen sie in den Sozialen Medien. Wer dann noch Lust hat, kann sich gerne eine weitere Zigarre schnappen und sie verkosten. Jeder Gast bekommt auch ein Exemplar vom Blind-Tasting für nach Hause. Über den ersten Late Hour Smoke habe ich einen Bericht verfasst: http://www.zigarren.zone/rauch-ueber-liestal-am-ersten-late-hour-smoke/

Was sagt deine Frau zu deinem Hobby? Sieht sie dich noch?

Letztens sagte sie zu mir: „Schatz, ich möchte mal wieder wohin, wo ich schon lange nicht mehr war.“ Ich antwortete: „Gerne – versuch’s mal mit der Küche!“ HAHAHA – Scherz. Natürlich sieht sie mich. Wir arbeiten beide viel und sehen uns immer gegen 20 Uhr. Wir essen gemeinsam, sprechen über dieses und jenes. Wichtig für uns sind die Frühstücke am Sonntag. Das zelebrieren wir. Dann stehe ich in der Küche :/ Ab und zu auch am Samstag, aber da bin ich oftmals schon um 7 Uhr früh in der Lounge und arbeite an ZigarrenZone. Meine Frau ist das Beste, was mir passieren konnte. Sie hat den Raum für die Lounge entdeckt, den ich gemietet habe. Auch die Lounge Sessel hat sie im Internet entdeckt. Sie hilft mir wo es geht – aber Zigarren verkosten macht sie nicht.

Was sind deine Visionen für die nächsten 12 Monate?

Flash Cigar werde ich qualitativ noch mehr nach vorne bringen. Ich arbeite an den Ausgaben schon zwei bis drei Monate vorher, damit ich spannende Beiträge für meine Leser schreiben kann. Als ich im Jahr 2016 testweise damit begann, arbeitete ich an den Ausgaben etwa einen Monat vorher. Das ist zu spät und die Qualität litt darunter. Das darf nicht sein und deshalb: „Back to the roots“ – Qualität geht vor.

Die nächsten 5 Jahre?

Ein Grosshumidor von Remo Nüesch (http://www.nuesch-humidore.com) muss in die ZigarrenZone-Lounge. Etwa 2 Meter hoch und etwa drei Meter lang. Bislang habe ich von ihm einen Humidor-Kubo. Auch eine anständige Lüftung muss rein. Im Winter will ich meine Late Hour Smokes auch durchführen, aber da können wir nicht immer die Türe zum Balkon offen lassen. Und vor allem: Viele glückliche Leser und so angenehme und aufrichtige Industrie-Zusammenarbeit wie ich sie bisher schon haben darf.

Hast du eine Lebensvision? 

Meine Authentizität bewahren.

Annette, vielen Dank für deine Fragen 🙂

intertabak

BIGSMOKE – Rauchzeichen aus Zürich

Dass Rauch über eine solche Lockkraft verfügt, überrascht mich immer wieder auf’s Neue. Der feine Zigarrenrauch lockt selbst die müdeste Zeitgenossin aus ihrem Bett, mich auf jeden Fall, an diesem 22. Juli 2017. Da setze ich mich doch tatsächlich um 6 Uhr morgens – also mitten in der Nacht – in den ICE von Köln nach Basel! Ich hätte ja auch den ganzen Tag in meinem gemütlichen La Galana Salon Zigarren paffen können, aber nein, zum Rauch gesellt sich die Verlockung charmante, inspirierende und angenehm verrückte Mitraucher zu treffen und so lege ich fast 600 km zurück, werde stilvoll am Basler Bahnhof von Zigarrenkollege Hans-Dieter Becker von der Intertabak eingesammelt, mit dem ich gegen Mittag an der stilvollen Location Albisgütli in Zürich eintreffe. Die Sonne strahlt, die Aussteller bauen ihre Stände auf, ich treffe einige Bekannte und Freundinnen, wie den legendären Grand Seigneur der Zigarre Heinrich Villiger, die charmante Zigarrendreherin Cari, die schon seit Jahren beim Big Smoke für die Firma Villiger ihre Rollkunst zum Besten gibt und Aficionados, die aus Österreich, Deutschland und sogar Frankreich angereist sind! Unter schattenspendenden grossen Bäumen hat der Veranstalter lange Tischreihen liebevoll eingedeckt und um 16 Uhr ist es so weit: 350 Genussraucher – darunter viele Zigarrenladies – trudeln ein, flanieren von Stand zu Stand, mit einer dicken Zigarre im Mundwinkel, plaudern mit Freunden, probieren edlen karibischen Rum und versuchen ihr Glück im Casino am Roulettetisch, bei Black Jack und Poker oder beim Longest-Ash-Wettbewerb bei dem sich die Zigarrenaficionados mit Konzentration und Hingabe der Frage widmen, wer die längste Asche produzieren kann, ohne dass sie abfällt. Endlich lerne ich Vasilij Ratej vom Online Portal Zigarrenzone persönlich kennen und er bittet mich zum Videointerview, während ich eine feine Romeo y Julieta Pirámides Anejados verkoste und er meine La Galana Robusto fachmännisch unter die Lupe nimmt. Erleichtert erfahre ich, daß sie ihm bestens mundet!

Kaum ist das Interview zu Ende trifft aus Genf der Genèva Cigar Club ein: Direktor Daniel D. Czeskowski mit Gattin und Geschäftsfrau Madame Lisa, sowie vier Vorstandsmitglieder. Wir verbringen den restlichen Abend zusammen, kosten feinstes Spanferkel, in Palmblätter eingewickelten Fisch und andere exotische Köstlichkeiten und ich erhalte die nächste Einladung, zur Gartenparty des Genèva Cigar Clubs am 6.8., bei dem ich unsere La Galana Torpedo zur Verkostung reichen werde. Resumée dieser Reise zum Big Smoke Zürich: die vielen Kontakte, die inspirierenden Gespräche und viele wertvolle Erinnerungen haben alle Mühen der langen Reise wettgemacht. Ich komme gerne wieder, das nächste Datum steht schon fest: am 7.07.18 präsentiert sich die Branche erneut mit einer illustren Auswahl altbewährter Marken und spannender Neuheiten, diesmal auf der Pferderennbahn in Dielsdorf bei Zürich und wie gehabt bestens organisiert von Kurt Blum und Stefan Schramm.

 

Köln hinter der Domplatte

Köln hinter der Domplatte

Nach meiner sechswöchigen Reise durch Nicaragua und Florida bin ich wieder in Köln, meiner Heimat, der ich einst eigenhändig den Titel verlieh wie einen privaten Oscar. Lange bin ich nicht mehr durch die Altstadt spaziert, zuletzt an Silvester, dem ersten nach jenem Jahreswechsel 2015 mit den beschämenden sexuellen Übergriffen auf der Domplatte, auf die ich in den USA mehrfach angesprochen wurde. Dort gibt es eine Vokabel dafür, die alles zusammenfasst und dennoch in jedem Kopf einen unterschiedlichen Film abspulen lässt: „The Shame of Cologne“.

Unsere Stadt ist international zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, eine Prise Angst vor dem Fremden scheint sich in der Seele des fröhlichen Rheinländers und nicht nur dort eingenistet zu haben, die man durch friedliche, weltoffene Gegenerlebnisse gerne irgendwann einmal überdeckt oder abgewischt sehen möchte, vor allem wenn man mit der Stadt aus welchen Gründen auch immer auf kumpelhaftem Du-zu-Du steht.  An Silvester 2016 musste ich Absperrungen und Sicherheitskontrollen durchqueren, die eines Rockfestivals würdig gewesen wären, um auf die relativ leere Domplatte zu gelangen, wo der Sankt Stephanschor „My Lord, oh my Lord!“ sang, während bunte Wortprojektionen auf Boden, Wände und Menschen ein Wanken meines Orientierungssinnes verursachten und das ohne eine Tropfen Alkohol!

Heute hat das Fest für Alte Musik mich hergelockt. Der Glockenspieler zu Brügge und Damme spielt das Carillion hoch oben in der Spitze des Ratsturms. Ein musikalischer Leckerbissen, den ein Grüppchen Musikliebhaber am Rande des ums Spanische Rathaus gezogenen Bauzauns mit geschlossenen Augen im Sonnenlicht genießt. Schade, dass nicht mehr Menschen den Weg hierher gefunden haben. Reiseleiter mit Touristengruppen ziehen an uns vorbei. Sie ordnen das Glockenläuten wohl irgendwelchen sonntäglichen Ritualen zu. Ihnen entgeht, dass feine Künstlerhände Schubert-, Beethoven- und Wagnerklänge über die Dächer der Stadt schicken. Den letzten Glockenklängen innerlich nachlauschend schlendere ich am Rheinufer entlang, als ich auf dem Platz unterhalb der Treppen, die von hinten zu Museum Ludwig und Domplatte führen, einen Clown entdecke, der Passanten imitiert, staunenden Kleinkindern Luftballons aufpustet und so peu à peu ein Publikum von vier- bis fünfhundert Personen um sich schart.

Eine kunterbunte Menschenmenge sitzt auf der Treppe, lacht herzlich, wenn der Clown von seinem Handy aus in rasanter Folge treffende Zitate aus Filmmusiken wählt, um die Charaktere vorbei spazierender Fußgängern auf die Schippe zu nehmen, vor alten Damen seinen kleinen roten Teppich ausrollt, einer Joggerin eine Wasserflasche hinterherträgt oder einem Hund den Futternapf hinstellt. Ob Omas mit Rollator, türkische Macho-Jungs, Roma-Mütter mit Babys oder chinesische Touristen, er bezieht alle mit wohlwollender Ironie in seine Performance ein und die Vorstellung von Angst und Fremdheit fliegt mit den Luftballons Richtung sommerlicher Wolken gen Himmel zu Kölle. In diesem Moment marschieren drei Ordnungshüter quasi im Gleichschritt die Treppe hinunter und stoppen den Clown, die staunenden Zuschauer und die Magie. Das Publikum buht. Doch die drei ziehen ihre Nummer durch. Nein, sie gehören nicht zum Stück, auch wenn man es denken könnte. Die Familien mit Kindern, die Ausländer – Flüchtlinge die einen, Touristen die anderen – Einheimische, junge und alte Leute rufen den Ordnungshirten zu „Lasst ihn spielen! Wir wollen die Show sehen!“ Aber mit deutscher Gründlichkeit wird der Abbruch der Show vollgezogen, vom Künstler tragisch-komisch kommentiert, indem er sich auf den Boden wirft und sich tot stellt. Im letzten Moment springt er auf die Requisitenkiste und bittet um Spenden. Das Publikum umringt ihn und die Angestellten der Stadt Köln, eine Schwäbin sagt: „Sie könnten doch mal ein Auge zudrücken! Ich bin Touristin, was für ein schlechter Eindruck von Köln!“ Ein anderer sagt: „Ich bin en kölsche Jung, so war das früher nicht!“ Man erklärt uns, dass es ein offizielles Strassenkünstler-Zeitfenster gibt, das jede volle Stunde beginnt, eine halbe Stunde lang dauert und danach zum Ortswechsel verpflichtet. Der Künstler hatte um 7 Minuten überzogen. Da ist nichts zu machen.

„Silvesterübergriffe sind möglich!“ sage ich den Damen und Herren vom Ordnungsamt „Aber wegen 7 Minuten enttäuscht ihr all die strahlenden Kinder hier? Schade!“ „Ordnung muss sein!“ antwortet man. Das Gesetz soll Anwohner und Geschäftsinhaber schützen. Schließlich sind nicht alle Künstler gut. Wer drei Stunden am Stück einen schlechten Geiger ertragen muss, wird sich über diese Regelung freuen. Dass es hier unterhalb der Treppen weder Geschäftsinhaber noch Anwohner gibt kann man nicht berücksichtigen, Gesetz ist Gesetz. „Die können nichts dafür, die tun nur ihren Job!“ beruhigt der Clown die aufgebrachte Menge. Dennoch wird er aufgeschrieben und muß wohl mit einem Ordnungsgeld rechnen. Hartnäckig bahnt sich ein Gedanke den Weg: „Warum hat man diese Effektivität und Stärke nicht an Silvester 2015 gezeigt und damit über 1000 Übergriffe auf Frauen verhindert?“ Ich weiß, das eine und das andere hat nichts miteinander zu tun, nur die Orte des Geschehens liegen nah beieinander. Dennoch bleibe ich hilflos und enttäuscht zurück. Mein einziger Trost ist das solidarische Verhalten der Zuschauer, die für den Künstler in die Bresche gesprungen sind und ihm aus Solidarität den Spendenbeutel gefüllt haben.   

P.S. Ich habe den Künstler anschließend um seine Kontaktdaten gebeten, er ist Argentinier und heißt GOMA. www.theaterisshow.com

Köln hinter der Domplatte

Schnell und wütend

Ich hätte ihn fragen sollen, was es mit diesem Werbespruch auf sich hat. Aber sein Charisma, die feine Linie seines Schnurrbartes, die mandelförmigen dunklen Augen und der schwarze Lederhut beeindruckten mich so, dass mir die Frage erst einfiel, als wir zurück im Stadtzentrum Matagalpas waren. Die erste Zeile seiner Firmenbezeichnung lautete Schuhklinik. Sie war von Hand auf sein Firmenschild gemalt: eine Sperrholzplatte mit zwei kleinen Löchern, an einer Paketschnur aufgehängt. Der Laden maß knapp zwei Quadratmeter, eine Wellblechhütte mit Auslug zur Straße. „Wie läuft das Geschäft?“ fragte ich den Gaucho. „Hervorragend“, lachte er. „Es gibt immer viel zu tun!“ Ein einzelner Kindersportschuh hing an eine Schnur geknüpft im Fenster, im Hintergrund an der Wand prangten zwei schicke, wenn auch abgenutzte Damensandaletten. „Darf ich reingucken?“ Er winkte mich zu sich und zeigte mir einen Teil seiner Ausrüstung. „Sehen Sie, diese Laubsäge? Damit schneide ich die hohen Absätze ab.“ Die anderen Werkzeuge konnte ich nicht richtig zuordnen, geschweige denn erkennen. Einige Schnüre und Drähte, ja, ein Teppichmesser, der Rest wirkte wie die Miniatursammlung eines Messies. Er jedoch hantierte damit wie ein Zauberer und meinte: „In eurem Land schmeißt ihr alle Sachen weg wenn sie kaputt sind, oder?“ Ich muss gestehen, mir war das ein bisschen peinlich. Sollte ich bejahen? Ich relativierte. „Naja, nicht alles, nicht sofort, wir reparieren auch, aber nicht so viel. Ihr macht das definitiv besser, Hut ab!“ Er unterbrach seine Tätigkeit nur, um meinem Wunsch nach einem Foto nachzukommen. Der Slogan unter der Schuhklinik lautete Schnell und Wütend. Das Schnell verstand ich nun. Der Mann ging fix zu Werke. Über das Wütend denke ich immer noch nach.

 

Von der Tarantel gestochen

„Tarántula“ sagt Jorge und hebt die handtellergroße Spinne an einem ihrer haarigen Beine vom Boden auf. Ich wage mich nicht zu rühren. Sein Bruder Amado folgt uns in ein paar Metern Entfernung, da schleudert Jorge das Tier direkt gegen dessen Shorts. Er entwischt, der Schrei. Jorge kichert haltlos vor sich hin, Amado wirft einen trockenen Ast in unsere Richtung. Nicaraguanischer Familienspaß. „Warum bist du so bleich, Annette? Du bist doch von Natur aus schon weiß genug,“ schmunzelt Jorge. „Sie ist tot! Und selbst wenn sie leben, tun sie nichts.“ Er hebt sie auf, hält sie mir vor’s Gesicht. „Du hast doch keine Angst, oder?“ Gänsehaut. Sie rührt sich nicht, ich mich auch nicht, vielleicht ist sie ohnmächtig oder ich werde es gleich. „Die sind doch irre gefährlich!“ erkläre ich, aus Versehen auf Deutsch. „Oder ist sie harmlos, weil tot?“ „Für Menschen sind sie ungefährlich“, erklärt Jorge und ich beschließe, das zu googeln, sowie ich wieder Internet habe, was in diesen Gegenden Nicaraguas etwas dauern kann. Im Dorf belagere ich Jorges Vater Don Carlos, einen wettergegerbten Bauer, dem ich mehr vertraue als diesen albernen Kerlen. „Menschen greift sie nicht an. Aber Rinder. Sie schleicht sich an das Bein des Tieres und frisst behutsam das Fell ab. Die Rinder mögen dieses zarte Zupfen und halten still, es muss sich wie Streicheln anfühlen.“ Mister Google, wo steckst du? Ist das wahr? Sowas habe ich noch nie gehört. Gut, ich gebe zu, in meinem Alltag bin ich auch nicht unbedingt von Taranteln und Rindern umringt. Don Carlos fährt fort. „Sie pinkeln die rasierte Stelle des Beines an. Und dann wird es dramatisch für das Rind. Sie werden krank. Können ihre Hufe verlieren.“ Ich erkundige mich nach dem Gegengift. Er erzählt etwas von dieser Creme, diesem Wundertigerbalsam, den sie hier für alles und jeden benutzen, er wird in Alkohol aufgelöst und auf das Rinderbein aufgetragen, so ähnlich wie man mir hier vor ein paar Tagen meinen verstauchten Zeh kuriert hat. „Wenn du das rechtzeitig machst, wird das Rind wieder gesund. Deswegen müssen wir die Tiere täglich genau beobachten.“ Zwei Tage später bin ich online. Google spuckt einige Suchergebnisse aus. Die echte Tarantel scheint im Gegensatz zu anderen, ähnlichen Wolfsspinnenarten tatsächlich für den Menschen ungiftig zu sein. Früher dachte man, der Biss einer Tarantel würde die sogenannte Tanzwut auslösen. Heute hat man das revidiert. Tanzende Rinder habe ich in Nord-Nicaragua keine gesehen.

 

Der Barbierbesuch

„Hinten wird mir schwindlig!“ mit diesem Hinweis ergattere ich oft den Beifahrersitz und eine weitere Reisedimension: die Welt des Mannes am Steuer. Meine unermüdliche Fragelust hält den Busfahrer wach, das Interesse an seiner Person versetzt ihn in Stimmung, die Fahrgemeinschaft profitiert. Wie ein Staubsauger verschlinge ich hingeworfene Kurzinfos, Scheibchen von Lebensweisheiten und Anekdoten am Stück, füge gedanklich Puzzlestein zu Puzzlestein und bin gespannt, welches Bild am Ende heraus gespuckt wird.

Juan arbeitet erst seit drei Monaten bei NicaTravel. Die Minibus-Agentur gehört einem Chinesen mit nicaraguanischer Ehefrau und bedient ein Netz von Reisezielen, die vor allem von Backpackern angesteuert werden. Er ist seinem neuen Arbeitgeber dankbar für geregelte Fahrtzeiten, nagelneue Fahrzeuge und einen respektvollen Umgang. Das war nicht immer so.

Seine Geschichte beginnt und endet beim Barbier. „Ein Mann kann einen anderen Mann nicht erniedrigen“, sagt Juan. „Nur Gott kann das tun!“ Meint er Mann, oder Mensch? Wenn man auf Spanisch von Menschen im Allgemeinen spricht, benutzt man ein und dasselbe Wort: hombres. Doch der Spruch, den ich in Nicaragua schon öfter gehört habe, ist gefärbt vom bitteren Gefühl einer zwanzigjahrelangen Erniedrigung durch seinen ehemaligen Arbeitgeber, nennen wir ihn Don Armando. Beide sind aus dem Städtchen Chichigalpa, vierzig Kilometer von der nicaraguanischen Provinzhauptstadt Leon entfernt. Sie aßen zum Frühstück den gleichen Gallopinto, hatten in der Grundschule die Verse von Nicaraguas Nationaldichter Rubén Darío auswendig gelernt und sich die ganze Woche lang auf Samstagnachmittag gefreut, wenn die Blaskapelle auf der Plaza spielte und die erblühenden Mädchen kichernd mit ihren Freundinnen auf Bräutigamschau gingen. Niemand im Dorf und am wenigsten Juan hätte je damit gerechnet, dass Armandito eines Tages sein Arbeitgeber sein würde und von jenem Tag an mit dem respektzollendem Don vor dem Vornamen anzusprechen war. Armando verdankte es einer bescheidenen Erbschaft, die ihm seine Großtante mütterlicherseits hinterlassen hatte. Davon kaufte er sich den ersten Minibus. Juan war jahrelang sein einziger Fahrer.

„Ich saß wie immer freitags beim Barbier und ließ mich rasieren“, sinniert Juan, während er ein von zwei klapprigen Gäulen gezogenes Fuhrwerk auf der Panamericana überholt. „Er hatte mich gerade eingeschäumt, legte das Messer an, da kommt Don Armando in den Laden. Wie ich da so abrupt aufstehe rutscht das Messer ab. Kleiner Schnitt, nichts von Bedeutung. Der Barbier kann ja nichts dafür. Ich wischte den Schaum ab. Manchmal denke ich, er könnte diese zerschlissenen Handtücher mal durch neue ersetzen, genug verdient er ja. Ich setzte mich auf einen der Holzstühle zurück, zu den Wartenden.“ Aufgrund Juan‘s dunkler Hautfarbe bin ich mir nicht sicher, ob ich ein leichtes Erröten bemerkt habe. „Ich weiß nicht, wie Don Armando es fertigbrachte, immer genau den Moment zu erwischen, wenn ich dran war.“ Ein Pferd, dem man ansieht, dass es mal weiß war, steht mitten auf der Fahrbahn. Ich erschrecke. Hoffentlich wird es nicht überfahren. Juan weicht geschickt aus und verzieht keine Miene. „Zwanzig Jahre lang, rief er mich dauernd an. Wo bist du? Wann kommst du? Warum bist du noch nicht da?“ Juan arbeitete Tag und Nacht, fuhr mit Touristen ins Ausland, nach Honduras, Belize oder Costa Rica, chauffierte reiche Amerikaner und entdeckungslustige Franzosen, nicaraguanische Vertreter und hondurensische Teilnehmerinnen eines Miss-Wettbewerbes, ohne irgendwelche Ruhezeiten einzuhalten, oft ohne Hotelzimmer und immer ohne Urlaub. In den zwanzig Jahren erweiterte Javier sein Unternehmen auf vier Minibusse und irgendwann setzte er Juan auf die Straße, von heute auf morgen, ohne Angabe von Gründen und ohne Abfindung. Die Sache ging sogar vors Arbeitsgericht, aber Recht haben und Recht bekommen waren schon immer zwei Paar Schuhe, vor allem in Ländern wie Nicaragua und Juan hatte kein Geld, um das Verfahren in die zweite Instanz zu führen, während man Don Armando in Chichigalpa nicht nur beim Barbier den Vortritt ließ. „Er hat mich gefeuert, weil er hoffte, ich käme auf Knien zurückgekrochen!“ sagt Juan. „Aber lieber sterbe ich, als nochmal für ihn zu arbeiten!“ Er drückt mehrfach auf die Hupe, um ein paar Rinder, die am Straßenrand nach vertrockneten Gräsern suchen, vor dem Verkehr zu warnen. Drei Monate war er arbeitslos. Er rief alle Agenturen an, keiner wollte ihn, er vermutet, dass Don Armando da seine Finger im Spiel hatte. Bis er auf den Chinesen traf. Der gab ihm eine Chance. Neulich war Juan nochmal beim Barbier, der gerade duftend weißen Schaum auf seinem Gesicht verteilt hatte und das Messer ansetzte, als sein Ex-Boss den Laden betrat. „Ich saß ganz entspannt da und würdigte ihn keines Blickes. Armando setzte sich zu den anderen Wartenden auf die harten Holzstühle. Noch nie habe ich eine Rasur so genossen!“ Wir sind in Granada angekommen.