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Köln hinter der Domplatte

Köln hinter der Domplatte

Nach meiner sechswöchigen Reise durch Nicaragua und Florida bin ich wieder in Köln, meiner Heimat, der ich einst eigenhändig den Titel verlieh wie einen privaten Oscar. Lange bin ich nicht mehr durch die Altstadt spaziert, zuletzt an Silvester, dem ersten nach jenem Jahreswechsel 2015 mit den beschämenden sexuellen Übergriffen auf der Domplatte, auf die ich in den USA mehrfach angesprochen wurde. Dort gibt es eine Vokabel dafür, die alles zusammenfasst und dennoch in jedem Kopf einen unterschiedlichen Film abspulen lässt: „The Shame of Cologne“.

Unsere Stadt ist international zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, eine Prise Angst vor dem Fremden scheint sich in der Seele des fröhlichen Rheinländers und nicht nur dort eingenistet zu haben, die man durch friedliche, weltoffene Gegenerlebnisse gerne irgendwann einmal überdeckt oder abgewischt sehen möchte, vor allem wenn man mit der Stadt aus welchen Gründen auch immer auf kumpelhaftem Du-zu-Du steht.  An Silvester 2016 musste ich Absperrungen und Sicherheitskontrollen durchqueren, die eines Rockfestivals würdig gewesen wären, um auf die relativ leere Domplatte zu gelangen, wo der Sankt Stephanschor „My Lord, oh my Lord!“ sang, während bunte Wortprojektionen auf Boden, Wände und Menschen ein Wanken meines Orientierungssinnes verursachten und das ohne eine Tropfen Alkohol!

Heute hat das Fest für Alte Musik mich hergelockt. Der Glockenspieler zu Brügge und Damme spielt das Carillion hoch oben in der Spitze des Ratsturms. Ein musikalischer Leckerbissen, den ein Grüppchen Musikliebhaber am Rande des ums Spanische Rathaus gezogenen Bauzauns mit geschlossenen Augen im Sonnenlicht genießt. Schade, dass nicht mehr Menschen den Weg hierher gefunden haben. Reiseleiter mit Touristengruppen ziehen an uns vorbei. Sie ordnen das Glockenläuten wohl irgendwelchen sonntäglichen Ritualen zu. Ihnen entgeht, dass feine Künstlerhände Schubert-, Beethoven- und Wagnerklänge über die Dächer der Stadt schicken. Den letzten Glockenklängen innerlich nachlauschend schlendere ich am Rheinufer entlang, als ich auf dem Platz unterhalb der Treppen, die von hinten zu Museum Ludwig und Domplatte führen, einen Clown entdecke, der Passanten imitiert, staunenden Kleinkindern Luftballons aufpustet und so peu à peu ein Publikum von vier- bis fünfhundert Personen um sich schart.

Eine kunterbunte Menschenmenge sitzt auf der Treppe, lacht herzlich, wenn der Clown von seinem Handy aus in rasanter Folge treffende Zitate aus Filmmusiken wählt, um die Charaktere vorbei spazierender Fußgängern auf die Schippe zu nehmen, vor alten Damen seinen kleinen roten Teppich ausrollt, einer Joggerin eine Wasserflasche hinterherträgt oder einem Hund den Futternapf hinstellt. Ob Omas mit Rollator, türkische Macho-Jungs, Roma-Mütter mit Babys oder chinesische Touristen, er bezieht alle mit wohlwollender Ironie in seine Performance ein und die Vorstellung von Angst und Fremdheit fliegt mit den Luftballons Richtung sommerlicher Wolken gen Himmel zu Kölle. In diesem Moment marschieren drei Ordnungshüter quasi im Gleichschritt die Treppe hinunter und stoppen den Clown, die staunenden Zuschauer und die Magie. Das Publikum buht. Doch die drei ziehen ihre Nummer durch. Nein, sie gehören nicht zum Stück, auch wenn man es denken könnte. Die Familien mit Kindern, die Ausländer – Flüchtlinge die einen, Touristen die anderen – Einheimische, junge und alte Leute rufen den Ordnungshirten zu „Lasst ihn spielen! Wir wollen die Show sehen!“ Aber mit deutscher Gründlichkeit wird der Abbruch der Show vollgezogen, vom Künstler tragisch-komisch kommentiert, indem er sich auf den Boden wirft und sich tot stellt. Im letzten Moment springt er auf die Requisitenkiste und bittet um Spenden. Das Publikum umringt ihn und die Angestellten der Stadt Köln, eine Schwäbin sagt: „Sie könnten doch mal ein Auge zudrücken! Ich bin Touristin, was für ein schlechter Eindruck von Köln!“ Ein anderer sagt: „Ich bin en kölsche Jung, so war das früher nicht!“ Man erklärt uns, dass es ein offizielles Strassenkünstler-Zeitfenster gibt, das jede volle Stunde beginnt, eine halbe Stunde lang dauert und danach zum Ortswechsel verpflichtet. Der Künstler hatte um 7 Minuten überzogen. Da ist nichts zu machen.

„Silvesterübergriffe sind möglich!“ sage ich den Damen und Herren vom Ordnungsamt „Aber wegen 7 Minuten enttäuscht ihr all die strahlenden Kinder hier? Schade!“ „Ordnung muss sein!“ antwortet man. Das Gesetz soll Anwohner und Geschäftsinhaber schützen. Schließlich sind nicht alle Künstler gut. Wer drei Stunden am Stück einen schlechten Geiger ertragen muss, wird sich über diese Regelung freuen. Dass es hier unterhalb der Treppen weder Geschäftsinhaber noch Anwohner gibt kann man nicht berücksichtigen, Gesetz ist Gesetz. „Die können nichts dafür, die tun nur ihren Job!“ beruhigt der Clown die aufgebrachte Menge. Dennoch wird er aufgeschrieben und muß wohl mit einem Ordnungsgeld rechnen. Hartnäckig bahnt sich ein Gedanke den Weg: „Warum hat man diese Effektivität und Stärke nicht an Silvester 2015 gezeigt und damit über 1000 Übergriffe auf Frauen verhindert?“ Ich weiß, das eine und das andere hat nichts miteinander zu tun, nur die Orte des Geschehens liegen nah beieinander. Dennoch bleibe ich hilflos und enttäuscht zurück. Mein einziger Trost ist das solidarische Verhalten der Zuschauer, die für den Künstler in die Bresche gesprungen sind und ihm aus Solidarität den Spendenbeutel gefüllt haben.   

P.S. Ich habe den Künstler anschließend um seine Kontaktdaten gebeten, er ist Argentinier und heißt GOMA. www.theaterisshow.com

Köln hinter der Domplatte

Schnell und wütend

Ich hätte ihn fragen sollen, was es mit diesem Werbespruch auf sich hat. Aber sein Charisma, die feine Linie seines Schnurrbartes, die mandelförmigen dunklen Augen und der schwarze Lederhut beeindruckten mich so, dass mir die Frage erst einfiel, als wir zurück im Stadtzentrum Matagalpas waren. Die erste Zeile seiner Firmenbezeichnung lautete Schuhklinik. Sie war von Hand auf sein Firmenschild gemalt: eine Sperrholzplatte mit zwei kleinen Löchern, an einer Paketschnur aufgehängt. Der Laden maß knapp zwei Quadratmeter, eine Wellblechhütte mit Auslug zur Straße. „Wie läuft das Geschäft?“ fragte ich den Gaucho. „Hervorragend“, lachte er. „Es gibt immer viel zu tun!“ Ein einzelner Kindersportschuh hing an eine Schnur geknüpft im Fenster, im Hintergrund an der Wand prangten zwei schicke, wenn auch abgenutzte Damensandaletten. „Darf ich reingucken?“ Er winkte mich zu sich und zeigte mir einen Teil seiner Ausrüstung. „Sehen Sie, diese Laubsäge? Damit schneide ich die hohen Absätze ab.“ Die anderen Werkzeuge konnte ich nicht richtig zuordnen, geschweige denn erkennen. Einige Schnüre und Drähte, ja, ein Teppichmesser, der Rest wirkte wie die Miniatursammlung eines Messies. Er jedoch hantierte damit wie ein Zauberer und meinte: „In eurem Land schmeißt ihr alle Sachen weg wenn sie kaputt sind, oder?“ Ich muss gestehen, mir war das ein bisschen peinlich. Sollte ich bejahen? Ich relativierte. „Naja, nicht alles, nicht sofort, wir reparieren auch, aber nicht so viel. Ihr macht das definitiv besser, Hut ab!“ Er unterbrach seine Tätigkeit nur, um meinem Wunsch nach einem Foto nachzukommen. Der Slogan unter der Schuhklinik lautete Schnell und Wütend. Das Schnell verstand ich nun. Der Mann ging fix zu Werke. Über das Wütend denke ich immer noch nach.

 

Von der Tarantel gestochen

„Tarántula“ sagt Jorge und hebt die handtellergroße Spinne an einem ihrer haarigen Beine vom Boden auf. Ich wage mich nicht zu rühren. Sein Bruder Amado folgt uns in ein paar Metern Entfernung, da schleudert Jorge das Tier direkt gegen dessen Shorts. Er entwischt, der Schrei. Jorge kichert haltlos vor sich hin, Amado wirft einen trockenen Ast in unsere Richtung. Nicaraguanischer Familienspaß. „Warum bist du so bleich, Annette? Du bist doch von Natur aus schon weiß genug,“ schmunzelt Jorge. „Sie ist tot! Und selbst wenn sie leben, tun sie nichts.“ Er hebt sie auf, hält sie mir vor’s Gesicht. „Du hast doch keine Angst, oder?“ Gänsehaut. Sie rührt sich nicht, ich mich auch nicht, vielleicht ist sie ohnmächtig oder ich werde es gleich. „Die sind doch irre gefährlich!“ erkläre ich, aus Versehen auf Deutsch. „Oder ist sie harmlos, weil tot?“ „Für Menschen sind sie ungefährlich“, erklärt Jorge und ich beschließe, das zu googeln, sowie ich wieder Internet habe, was in diesen Gegenden Nicaraguas etwas dauern kann. Im Dorf belagere ich Jorges Vater Don Carlos, einen wettergegerbten Bauer, dem ich mehr vertraue als diesen albernen Kerlen. „Menschen greift sie nicht an. Aber Rinder. Sie schleicht sich an das Bein des Tieres und frisst behutsam das Fell ab. Die Rinder mögen dieses zarte Zupfen und halten still, es muss sich wie Streicheln anfühlen.“ Mister Google, wo steckst du? Ist das wahr? Sowas habe ich noch nie gehört. Gut, ich gebe zu, in meinem Alltag bin ich auch nicht unbedingt von Taranteln und Rindern umringt. Don Carlos fährt fort. „Sie pinkeln die rasierte Stelle des Beines an. Und dann wird es dramatisch für das Rind. Sie werden krank. Können ihre Hufe verlieren.“ Ich erkundige mich nach dem Gegengift. Er erzählt etwas von dieser Creme, diesem Wundertigerbalsam, den sie hier für alles und jeden benutzen, er wird in Alkohol aufgelöst und auf das Rinderbein aufgetragen, so ähnlich wie man mir hier vor ein paar Tagen meinen verstauchten Zeh kuriert hat. „Wenn du das rechtzeitig machst, wird das Rind wieder gesund. Deswegen müssen wir die Tiere täglich genau beobachten.“ Zwei Tage später bin ich online. Google spuckt einige Suchergebnisse aus. Die echte Tarantel scheint im Gegensatz zu anderen, ähnlichen Wolfsspinnenarten tatsächlich für den Menschen ungiftig zu sein. Früher dachte man, der Biss einer Tarantel würde die sogenannte Tanzwut auslösen. Heute hat man das revidiert. Tanzende Rinder habe ich in Nord-Nicaragua keine gesehen.

 

Der Barbierbesuch

„Hinten wird mir schwindlig!“ mit diesem Hinweis ergattere ich oft den Beifahrersitz und eine weitere Reisedimension: die Welt des Mannes am Steuer. Meine unermüdliche Fragelust hält den Busfahrer wach, das Interesse an seiner Person versetzt ihn in Stimmung, die Fahrgemeinschaft profitiert. Wie ein Staubsauger verschlinge ich hingeworfene Kurzinfos, Scheibchen von Lebensweisheiten und Anekdoten am Stück, füge gedanklich Puzzlestein zu Puzzlestein und bin gespannt, welches Bild am Ende heraus gespuckt wird.

Juan arbeitet erst seit drei Monaten bei NicaTravel. Die Minibus-Agentur gehört einem Chinesen mit nicaraguanischer Ehefrau und bedient ein Netz von Reisezielen, die vor allem von Backpackern angesteuert werden. Er ist seinem neuen Arbeitgeber dankbar für geregelte Fahrtzeiten, nagelneue Fahrzeuge und einen respektvollen Umgang. Das war nicht immer so.

Seine Geschichte beginnt und endet beim Barbier. „Ein Mann kann einen anderen Mann nicht erniedrigen“, sagt Juan. „Nur Gott kann das tun!“ Meint er Mann, oder Mensch? Wenn man auf Spanisch von Menschen im Allgemeinen spricht, benutzt man ein und dasselbe Wort: hombres. Doch der Spruch, den ich in Nicaragua schon öfter gehört habe, ist gefärbt vom bitteren Gefühl einer zwanzigjahrelangen Erniedrigung durch seinen ehemaligen Arbeitgeber, nennen wir ihn Don Armando. Beide sind aus dem Städtchen Chichigalpa, vierzig Kilometer von der nicaraguanischen Provinzhauptstadt Leon entfernt. Sie aßen zum Frühstück den gleichen Gallopinto, hatten in der Grundschule die Verse von Nicaraguas Nationaldichter Rubén Darío auswendig gelernt und sich die ganze Woche lang auf Samstagnachmittag gefreut, wenn die Blaskapelle auf der Plaza spielte und die erblühenden Mädchen kichernd mit ihren Freundinnen auf Bräutigamschau gingen. Niemand im Dorf und am wenigsten Juan hätte je damit gerechnet, dass Armandito eines Tages sein Arbeitgeber sein würde und von jenem Tag an mit dem respektzollendem Don vor dem Vornamen anzusprechen war. Armando verdankte es einer bescheidenen Erbschaft, die ihm seine Großtante mütterlicherseits hinterlassen hatte. Davon kaufte er sich den ersten Minibus. Juan war jahrelang sein einziger Fahrer.

„Ich saß wie immer freitags beim Barbier und ließ mich rasieren“, sinniert Juan, während er ein von zwei klapprigen Gäulen gezogenes Fuhrwerk auf der Panamericana überholt. „Er hatte mich gerade eingeschäumt, legte das Messer an, da kommt Don Armando in den Laden. Wie ich da so abrupt aufstehe rutscht das Messer ab. Kleiner Schnitt, nichts von Bedeutung. Der Barbier kann ja nichts dafür. Ich wischte den Schaum ab. Manchmal denke ich, er könnte diese zerschlissenen Handtücher mal durch neue ersetzen, genug verdient er ja. Ich setzte mich auf einen der Holzstühle zurück, zu den Wartenden.“ Aufgrund Juan‘s dunkler Hautfarbe bin ich mir nicht sicher, ob ich ein leichtes Erröten bemerkt habe. „Ich weiß nicht, wie Don Armando es fertigbrachte, immer genau den Moment zu erwischen, wenn ich dran war.“ Ein Pferd, dem man ansieht, dass es mal weiß war, steht mitten auf der Fahrbahn. Ich erschrecke. Hoffentlich wird es nicht überfahren. Juan weicht geschickt aus und verzieht keine Miene. „Zwanzig Jahre lang, rief er mich dauernd an. Wo bist du? Wann kommst du? Warum bist du noch nicht da?“ Juan arbeitete Tag und Nacht, fuhr mit Touristen ins Ausland, nach Honduras, Belize oder Costa Rica, chauffierte reiche Amerikaner und entdeckungslustige Franzosen, nicaraguanische Vertreter und hondurensische Teilnehmerinnen eines Miss-Wettbewerbes, ohne irgendwelche Ruhezeiten einzuhalten, oft ohne Hotelzimmer und immer ohne Urlaub. In den zwanzig Jahren erweiterte Javier sein Unternehmen auf vier Minibusse und irgendwann setzte er Juan auf die Straße, von heute auf morgen, ohne Angabe von Gründen und ohne Abfindung. Die Sache ging sogar vors Arbeitsgericht, aber Recht haben und Recht bekommen waren schon immer zwei Paar Schuhe, vor allem in Ländern wie Nicaragua und Juan hatte kein Geld, um das Verfahren in die zweite Instanz zu führen, während man Don Armando in Chichigalpa nicht nur beim Barbier den Vortritt ließ. „Er hat mich gefeuert, weil er hoffte, ich käme auf Knien zurückgekrochen!“ sagt Juan. „Aber lieber sterbe ich, als nochmal für ihn zu arbeiten!“ Er drückt mehrfach auf die Hupe, um ein paar Rinder, die am Straßenrand nach vertrockneten Gräsern suchen, vor dem Verkehr zu warnen. Drei Monate war er arbeitslos. Er rief alle Agenturen an, keiner wollte ihn, er vermutet, dass Don Armando da seine Finger im Spiel hatte. Bis er auf den Chinesen traf. Der gab ihm eine Chance. Neulich war Juan nochmal beim Barbier, der gerade duftend weißen Schaum auf seinem Gesicht verteilt hatte und das Messer ansetzte, als sein Ex-Boss den Laden betrat. „Ich saß ganz entspannt da und würdigte ihn keines Blickes. Armando setzte sich zu den anderen Wartenden auf die harten Holzstühle. Noch nie habe ich eine Rasur so genossen!“ Wir sind in Granada angekommen.

Ach du dicker Zeh!

Ich war tanzen. Tatsächlich! Dabei halten sich meine Salsakenntnisse in engen Grenzen. Als ich vor Jahren auf Kuba war, sagte ich jedem, der mich aufforderte „Ich hab mir den Fuß verletzt, tut mir leid.“ Bis ein spindeldürrer Mathematikprofessor auftauchte, einen Kopf kleiner als ich, meine Bedenken mit einer Hand wegwischte und mich vom Stuhl hochzog. Trotz fehlendem Körpergewicht schaffte er es, mich mit nur zwei Schritten in seinen Strudel der Bewegung zu ziehen und wir wirbelten über die Tanzfläche als seien wir beim Wiener Opernball. Als ich mich nach drei Tänzen atemlos auf meinem Platz wiederfand, sahen mich meine Freundinnen anerkennend an. „Wir wussten nicht, dass Du so gut tanzen kannst!“ Ich auch nicht. Das ist Jahre her. Nun finde ich mich in einer urigen Kneipe mitten in der Provinzhauptstadt León in Nicaragua und heiße Salsamusik bricht über uns ein. Die ersten vier Gentleman kann ich noch geschickt abwehren, bis ein kleiner schmaler Indio an meine Kubaerfahrung anknüpft. Er zieht mich hinter sich her und los geht’s. Ich bin baff! Er scheint zu dieser eigenen Sorte von Tanzgenies zu gehören, die selbst so lausige Tänzerinnen wie mich in den Salsahimmel katapultieren. Jetzt reißt die Schlange der Tänzer nicht mehr ab und die begleitenden Kommentare reichen von „Lass einfach locker!“ bis „Lass dich führen!“ und ich denke nur, der erste, der Kleine, hatte es nicht nötig, überhaupt was zu sagen! Irgendwann spüre ich im Getümmel einen fiesen Schmerz. Jemand ist gegen meinen Fuß getreten! Am nächsten Tag ist der zweite Zeh vom linken Fuß – also der Zeigezeh – dick geschwollen. Raúl, ein Tourguide, bei dem ich am nächsten Vormittag einen Ausflug gebucht habe, nimmt sich meiner an. „Da helfen die Blätter des Mangobaums! Das ist ein Rezept unserer Urahnen!“ erklärt er und pflückt gleich welche ab. Er begleitet mich in mein Hostal und während ich mich frisch mache, setzt er die grünen Blätter in der Gemeinschaftsküche zum langsamen Köcheln auf. Eine Prise Salz, eine Prise Geduld. Er bittet das Zimmermädchen um eine Creme, deren Namen ich vergessen habe, ein Allheilmittel hier in Nicaragua, eine Art Tigerbalsam, der für jede denkbare und undenkbare Krankheit auf jede mögliche und unmögliche Art eingesetzt wird: sie wird eingeschmiert, inhaliert oder eingenommen! Die weich gekochten Blätter wickelt er einfühlsam um den liebevoll mit Tigerbalsam eingecremten Zeigezeh, eine Runde Verbandszeug drum herum, noch mal Tigerbalsam von außen, dann mit Pflaster zugeklebt und schon ist das Kunstwerk fertig! Noch am selben Abend kann ich mit dem Fuß hurtig auf dem aktiven Vulkan Masaya aus dem Minibus steigen und bis zum Kraterrand laufen. Zwei Tage später ist die Schwellung weg. Jetzt aber schnell zum Salsatanzen!

Nacht im Canyon

Lena kam eines Tages als Touristin für die Canyon-Tour und eine Übernachtung. Blieb drei Nächte. Verlängerte auf zwei Wochen. Als ich sie kennenlerne, ist sie seit vier Monaten hier. Sie erzählt ihre Geschichte nur selten. Ein großer Lebensschmerz hat sie durch Lateinamerika irren und hier landen lassen. Die einfachen, naturverbundenen Dorfbewohner haben sie wortlos adoptiert und der Canyon tut ihr einfach gut. „Ich würde so gerne mal eine Nacht in der Schlucht verbringen,“ verrät sie mir. Wir kennen uns gerade zwei Stunden. „Aber alleine hätte ich Angst!“ Ohne nachzudenken sage ich: „Ich komm mit!“ Am nächsten Abend wandern wir mit einer undichten Luftmatraze, einer dicken weißen Plastikfolie, Knabbersachen, einer Flasche roten Cote du Rhone, ein paar Jacken und einem Schlafsack vierzig Minuten hinunter zum Ausgang des Canyons. Don Alfonso, von dem man im Dorf erzählt, dass er zur Zeit des nicaraguanischen Befreiungskrieges als Doppelagent für Sandinisten und Contras gearbeitet hat, schickt uns seinen Hund Rosso mit. Der begleitet uns unbeirrt, als könne er die Worte seines alten Herrchens verstehen. Im Laufe der Nacht werden wir seine Anwesenheit noch sehr zu schätzen lernen. Wir kampieren auf dem schmalen weißen Sandstrand neben den drei Booten, die tagsüber die Touristen her schippern: knallgelb, knallgrün, knallrot. Die Farben werden von der hereinstürzenden Nacht ausgewischt. Ein einsamer Hund bellt, weit weg. Rosso sitzt wachsam und hält seine Nase schnuppernd in alle Himmelsrichtungen. Als uns das tiefe Schwarz eingehüllt hat, fängt er mit gefährlich klingender, tiefer Stimme an zu bellen, Richtung Canyon. Es hallt von den Felswänden wider. Wir hören etwas Großes laut ins Wasser klatschen. Ein Mensch? Ein Leguan? So sehr wir uns auch anstrengen, wir können das Schwarz mit unseren Blicken nicht durchdringen. Einen Moment lang bereue ich meine Entscheidung. Wenn uns jemand überfällt, wer könnte helfen? Würde Rosso den Angreifer in die Flucht schlagen? Aber Don Alfonso, der seit 60 Jahren auf diesem Stück Land lebt und jeden Baum und jeden Stein kennt, hätte uns nicht ziehen lassen, wenn es gefährlich wäre. Wir beruhigen uns. Oder besser gesagt, der Rotwein beruhigt uns. Plötzlich irrlichtern Scheinwerferkegel über Flussbett und Felsen. Leise Stimmen sind zu hören. Rosso bellt nicht. Irgendwann sind die Taschenlampenträger in Hörweite, ich rufe laut und fröhlich „Hallo, hier sind wir!“ Flucht nach vorne. Es sind die Männer einer Familie, die in einer Hütte am Eingang des Canyons lebt. Zwei Erwachsene und drei Jungs zwischen sechs und zehn, sie waren bei Sonnenuntergang auf ihren schwer beladenen Eseln an uns vorbeigeritten und hatten uns neugierig beäugt. „Wir gehen fischen!“ erklären sie. Die Boote stoßen unsichtbar ins Wasser. Nach unbestimmter Zeit kommen sie ohne Fang zurück. Wir schenken den Jungs eine Tüte Maschmallows, die wir im Proviant haben. Keine Regung ihrer Gesichter, die wir mit der Taschenlampenfunktion unseres Smartphones beleuchten, verrät, was sie darüber denken. Stille kehrt ein. Der Himmel ist über und über mit Sternen übersät. Wir sehen so viele Sternschnuppen, dass wir mit dem Wünschen nicht hinterherkommen. Lena sagt. „Ich freu mich, dass der Boden so hart ist.“ Bitte schön? Ja, das hat ihr mal ein Freund in Deutschland beigebracht, als sie sich immer über den Regen beschwerte. „Sag: ich freu mich über den Regen! Wenn du es nicht sagst, wird es trotzdem regnen!“ Ein durchschlagendes Argument. Wir drücken kaum ein Auge zu, wir können die Geräusche der Wildnis um uns herum nicht einordnen. Rosso bellt immer wieder, teilweise ausgiebig. „Ich freu mich über den harten Boden!“ sagt Lena. Ich mich auch. Und wir freuen uns über den Beschützer an unserer Seite. Irgendwann besiegt uns die Müdigkeit. Selbst Rosso hat sich zusammengerollt. Um fünf Uhr Morgen wachen wir auf, packen und wandern in den sachte erwachenden Tag.

Hostal Dorm

Bist du wahnsinnig?

„Bist du wahnsinnig?“ whatsappt mir meine 30jährige Freundin Alina aus München. Ich habe weder angekündigt auf Krokodiljagd zu gehen, noch etwas von Bungeejumping erzählt. „Das könnte ich niemals!“ schiebt sie nach. Nun, ich muss gestehen, auch für mich ist es eine Herausforderung. Denn ich habe ihn einfach übersprungen, damals, den Jugendherbergsabschnitt. Heute spricht man von Hostals, überall auf der Welt, vermutlich, um diese Unterbringungsmöglichkeit auch meiner Zielgruppe schmackhaft zu machen, das mit der Jugend gehört ja der Vergangenheit an… Ich übe für meine große Reise – ein Lebenstraum – die ich in naher Zukunft plane: 6 Monate Lateinamerika. Ich verhalte mich, wie so oft, antizyklisch, die ganzen Ko-Backpacker, die ich hier treffe, sind meist gerade mit der Schule fertig und wissen noch nicht, was sie studieren sollen. Aber für nichts im Leben ist es je zu spät, deswegen habe ich heute wagemutig entschieden, in einem waschechten Hostal im Dorm – so nennen die Backpacker den Schlafsaal – zu übernachten. Der Raum hat ein dünnes Wellblechdach und Wände aus Strohmatten, sechs richtige Betten, gebaut aus weißgestrichenen Paletten mit bequemer Matraze und Moskitonetz! Luxuriös ist der riesige Pool, das Café erinnert an eine Safarilodge, das Essen ist biologisch, das Wasser im Pool salzhaltig, Duschwasser wird für die Bewässerung der Pflanzen recycelt, ein nachhaltiges Konzept. Unter meinem Bett befinden sich die Reste einer Taube, ich bitte Willyam von der Rezeption mal durchzufegen, was er sofort lachend erledigt und Yaosca, die Lady vom Café meint, damit könnte die Hostalkatze was zu tun haben. Ich teile meinen dorm mit zwei Kampflesben aus Deutschland, mit muskulösen Körpern und lieblichen Stimmen. Ich überfliege nochmal die whatsapp meiner Freundin „Das könnte ich nie!“ Ich glaube sie verpasst was.

Foltergefängnis

Gruselgeschichten im Foltergefängnis

Als Geschichtenjägerin und -sammlerin muss ich natürlich das Museum der Legenden in León, Nicaragua besuchen! Was für Konzept, ein Museum für das Nichtmaterielle, Nichtfassbare, Nichtüberprüfbare. Was legt man da in die Vitrinen? Teile des Erzählschatzes dieses magischen Kontinents aus dem sich Gabriel García Márquez und Isabel Allende und ungezählte weniger berühmte Schreibgenossen bedienen und bedienten? Punkt acht Uhr stehe ich als erste und einzige Besucherin vor den Pforten des Gebäudes. Direkt am Eingang rostet ein uralter Panzer vor sich hin und als ich gerade grübele, welche Legende dazu gehört, fällt mein Blick auf eine Tafel „Ehemaliges Foltergefängnis der Somoza-Diktatur.“ Ein Schreck durchfährt mich. Bin ich im Revolutionsmuseum gelandet? Aber das ist doch oben an der Plaza? Ein museumsfinanzierter immer lächelnder Indio gibt mir eine Privatführung, das ist im Eintrittspreis von 50 Cordoba, also weniger als 2 Doller, enthalten. Licht kommt ins Dunkel. Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit eine Señora namens Carmen, deren Faible für die Storys, die in León und umliegenden Dörfern erzählt wurden, dazu führte, dass sie lebensgroße Puppen bauen ließ, die deren Protagonisten darstellten und ihr Haus peu à peu bevölkerten. Die Anwesenheit dieser Phantasiewesen, Früchte des hier weit verbreiteten Aberglaubens, mag nicht immer entspannt gewesen sein, waren es doch lauter Grusel- und Geistergeschichten. Ob der Geist einer Braut im blutbefleckten Hochzeitskleid, der Pfarrer ohne Kopf, die schwarze Hexe mit dem Leguan auf dem Arm, der von den Spaniern ermordete Kazike, der böse spanische Steuereintreiber oder die La Llorona, die Weinende, die ihr spanisches Baby in den Fluß warf und selbst hinterher sprang um sich in den Fluten zu ertränken und heute in der Nähe neugeborener Kinder ihr herzzerreißendes Klagen hören lässt. Sie alle lebten einträchtig mit Doña Carmen zusammen, bis irgendwann ihr Haus aus allen Nähten platzte und sie den Bürgermeister von León um Hilfe bat. Ob er das Foltergefängnis aufgrund des Kontextes anbot, oder ob jemand dachte, man könne die reellen Gräuel des Ortes durch die etwas vergnügtere Variante von erdachten Schrecklichkeiten entschärfen, ist nicht überliefert. Doña Carmen ist inzwischen verstorben und eine lebensgroße Puppe von ihr ziert einen eigenen Raum. Daneben zeugen ihre Gehhilfe und ihr vom Zahn der Zeit und dem intensiven Gebrauch zernagten Rollstuhl davon, dass die Geschichte nicht erdacht ist, sondern aus der echten Welt stammt, genauso wie das Foltergefängnis.

Museum

Busbahnhof

Backpackerin ohne Rucksack

Seit zwei Tagen bin ich eine Backpackerin. Meine Reiserei hat ihren geschäftlichen Hintergrund abgelegt, ich bin nicht auf Familien- oder Freundesbesuch, ich absolviere keine Studienreise und habe mich nicht der Erholung verschrieben. Wo ich mich bewege, treffe ich auf Backpacker, daher vermute ich, dass ich seit vorgestern dieser Spezies angehöre. Backpacker sind Reisende mit viel Zeit und relativ wenig Plänen, manche sind monatelang unterwegs und Wegentscheidungen werden oft unterwegs im Austausch mit anderen Backpackern getroffen. Ich bin also nicht die einzige, die vor der Fülle der Möglichkeiten Respekt hat. Trotz dieses Schwebezustandes schält sich die Reiseroute peu a peu wie eine Zwiebel aus ihren Schalen. Heute Morgen um 6 Uhr wusste ich noch nicht, ob ich im Canyon de Somoto bleiben oder nach Matagalpa weiterreisen sollte, um die dortigen Kaffeeplantagen zu besichtigen. Ich verpasste die Expressverbindung, nahm den Chicken Bus nach Estelí, stellte mich am Busbahnhof in die Schlange zum Minibus nach León, der sich so verspätete, dass ich die Lust verlor und zu meinem Koffer heimkehrte, der in der Casa Hotel Elena in Esteli auf mich wartete. Ein Koffer widerspricht dieser Art zu Reisen diametral, selbst wenn es mein heiß geliebter Rimowa ist. Für Entdeckerseelen ist leichtes Gepäck ist angesagt! So hatte ich mein Lieblingsgepäckstück in Estelí geparkt und den Weg mit Handtasche und einem in der Türkei erstandenen Fake-Shopper von Michael Kors fortgesetzt. Inhalt: 1 Kleid, 2 Schals, eine Short, 1 T-Shirt und 1 Jacke im Täschchen, dazu Laptop und Smartphone. Backpacking sieht anders aus, fühlt sich aber genauso an.

Mal ganz ehrlich…

Was tun? Hilfe! Mein offizielles Reiseprogramm – der Besuch der Tabakmanufaktur Plasencia und der Zigarrenstadt Estelí ist absolviert und ich befinde mich in einer mir unbekannten Situation. Reisen, einfach so? Ohne Programm? Ohne Planung? Zweieinhalb lange Wochen liegen vor mir wie eine Perlenkette leerer Seiten. Da packt mich sicherheitshalber erst mal kurz und heftig das Heimweh. Fluchtgedanken, die ich schnell wegschiebe, wäre doch gelacht. Aber wohin jetzt? Im wilden Norden bleiben und Canyons, Wasserfälle, Urwälder und Tierwelt erforschen? Oder in die Kolonialstadt Granada reisen, einem El Dorado der Touristen mit Boutiquen, Bars und Diskotheken? Im Internet schwärmen viele von San Juan del Sur, einem hipen Küstenort im Süden. Gestern sagte mir eine Nicaraguakennerin: „Das ist für uns Ausländer gemacht, ich ziehe den Kontakt zum ursprünglichen Nicaragua vor.“ Nun bin ich zwar in einer ganz anderen Welt – an Deutschland erinnert nichts – aber hier multiplizieren sich die über- und nebeneinanderliegenden Subwelten, wie überall. Die Tabakbarone des reichen Estelí, dicht an dicht neben den fleißigen und bescheidenen Zigarrendrehern, auch bitterarme Bettler tauchen im Straßenbild auf wie plötzliche Erscheinungen. Die Unendlichkeit der Möglichkeiten bedrückt mich einen Augenblick und bevor ich vor Schreck erstarre laufe ich zur Reiseagentur „Three Huggers“, die sich dem nachhaltigen Tourismus verschrieben haben und buche für morgen eine Tour nach Somoto. Ich werde mit dem öffentlichen Bus fahren, also einem dieser knallgelben oder sonst wie buntbemalten amerikanischen Oldtimer- Schulbusse. Dort holt mich ein Guide einer Local Community ab, der mich in einer vierstündigen Tour durch einen Canyon wandern, schwimmen und springen lassen wird, so steht es jedenfalls im Prospekt. Wie es weitergeht, überlasse ich den Begegnungen, den Inspirationen und den Wünschen des Augenblicks. Die Reise beginnt jetzt. Die Reise beginnt jeden Tag.