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Authentizität zwischen Haar und Havanna: Vasilij Ratej packt aus

ZigarrenZone

Wie kamst du zur Zigarre? 

Es war etwa im Jahr 1996, als meine Frau einen Geschenkkorb von ihrer Firma nach Hause brachte. Er war gefüllt mit wirklich schönen Leckereien. Dabei war auch ein „Habanos“-Tubo. Welche Marke drin war, weiss ich nicht mehr. Meine Frau ging ins Büro und ich schnappte mir diese Zigarre. Ich zündete sie an und sie hat mir sofort geschmeckt. Nach einer Weile kam meine Frau ins Wohnzimmer, schnüffelte und frage: „Was stinkt denn hier so?“ Ja, dann war es auch schon vorbei mit Zigarrengenuss zu Hause.

Ich kaufte mir ein paar Tage später einen kleinen Humidor aus Plexiglas. Der war von Zino. Es war ein kleiner Einsteiger-Humidor. Es hatten etwa 10 Zigarren Platz. Ich versuchte verschiedene Marken und Formate. Im Verlauf der nächsten Monate kam ein grösserer Adorini-Humidor hinzu und kubanische Zigarren.

Was sind deine frühesten Erinnerung an Zigarren? 

Mein Grossvater hat Zigarren geraucht. Er wohnte in Izola (Slowenien). Im Sommer haben wir ihn immer besucht. Es war heiss und schwül und er schmauchte seine Tabakspfeifen und Zigarren. Ich kann mich erinnern, dass er mir die Anillas gab und ich zog sie über meine Finger. Das fand ich immer ganz schick – ich spielte dann immer „König“. Ich erinnere mich auch, dass die Zigarrenkistchen sehr bunt dekoriert waren. Als ich vor ein paar Jahren darüber nachdachte, vermutete ich, dass es sich um kubanische Zigarren hätte handeln können. Mein Vater erklärte mir aber, dass es Zigarren aus Mazedonien waren. So richtig glauben kann ich das aber noch heute nicht.

Was brachte dich dazu, darüber zu schreiben?

Etwa im Jahr 2013/2014, schrieb ich Christoph Läubin von www.zigarren-online.ch ein eMail. Ich fragte ihn rein Interessehalber, ob ich für seinen Blog Tastings schreiben soll. Eine spannende Reise fing für mich an. Ich verkostete doch recht viele Zigarren und schrieb die Berichte für ihn. Auf diese Weise lernte ich meine Geschmacksempfindungen auf Papier zu bringen. Wenn man so will, ist er an allem schuld. Auch am Dativ. 😉

Wann wurde die ZigarrenZone gegründet?

Die Website ging am 29.06.2014 online. Es steckte kein Ziel dahinter. Die Domain-Endung „Zone“ war damals noch relativ neu zu haben und ich dachte mir: Zigarren und Zone – das passt perfekt zusammen. Daraus ist dann www.zigarren.zone entstanden.

Wieviele Leser folgen dir?

Im Zeitraum vom 01.01.17 bis 30.07.17 hatte das Onlinemagazin 121’842 Leser.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Im Jahr 2015 wurde das Onlinemagazin so langsam bekannt. Die Reaktionen waren sehr positiv. Die Leser schätzten meine Art des Schreibens; oft etwas humorvoll und selbstkritisch. Wenn ich einen Fehler beim Rauchen machte, dann schrieb ich unverblümt davon. Das ist auch heute noch so. Später kamen dann auch Videoclips hinzu. Fast schon zum Klassiker ist der kurze Clip geworden, als ich zeige, dass Jet-Feuerzeuge zu stark für mich sind:

Was genau fasziniert dich am Rauchen?

Die Zigarre ist ein handgemachtes Produkt. Ich kann „runterkommen“ beim Zigarrengenuss. Ich wertschätze die Zigarre sehr und denke oft an die vielen Menschen, die beim Entstehen der Zigarre ihre Finger im Spiel hatten. Ich finde das überaus faszinierend. Noch faszinierender finde ich, wie sich eine Zigarre im Verlauf ihrer Lagerung verändert. Nach Monaten schmeckt sie oftmals anders. Und nach Jahren erst recht, vor allem die kubanischen Zigarren entwickeln sich. In meiner Sammlung habe ich ein Kistchen Henry Clay und ein Kistchen Partagas Derby. Beide wurden vor 1960 hergestellt. Man kann sie immer noch rauchen und dieser Geschmack ist faszinierend. Man kann sie überhaupt nicht mit frischen Zigarren vergleichen. So alte Zigarren schmecken einfach ganz anders.

Bist du ein Connaisseur?

Ein Kenner? Oh, ich schätze mein Wissen als gut Fortgeschritten ein. Da gibt es doch wesentlich bessere Kenner, als ich es bin. Ich lerne fast täglich hinzu. Gerade kürzlich zum Beispiel erklärte mir ein Tabakproduzent, woran es an der Zigarre liegen kann, wenn man einen trockenen Gaumen bekommt. Wenn zu viel Secco-Tabak verarbeitet wird (die untersten Blätter der Tabakpflanze) oder der Secco-Tabak noch zu frisch oder zu wenig lang fermentiert wurde, dann schreit der Gaumen: „Trinken, trinken!“ Solche Profis sind die echten Kenner, von denen ich oft lernen darf.

Du schreibst sehr präzise Degustationen, war dein Gaumen schon immer so fein?

Ich weiss noch, dass mir meine Mutter – es ist schon sehr viele Jahre her – einmal sagte: „Du hast nie fertige Babynahrung bekommen.“ Damals, als ich 1965 in Slowenien (ehemals Jugoslawien) geboren wurde, gab es schon fertige Babynahrung. Aber nicht in dieser Menge, wie es sie heute gibt. Damals wurde noch gekocht und für das Baby wurde die Nahrung „babygerecht püriert“. Meine Mutter vermutet, dass ich deshalb ein Feinschmecker geworden bin. Bei Zigarren habe ich meinen Gaumen noch mehr „kennen gelernt“. Ich beobachte sehr gerne was ich an Geschmack erkenne und versuche diese Eindrücke so gut es geht zu formulieren.

Trainierst du diese Wahrnehmungsfähigkeit des Gaumens? Und wenn ja wie?

Natürlich. Das ist sogar sehr wichtig. Vor jeder Degustation, bei dem ein Bericht folgt, schnallze ich die Zunge 50x nach oben und unten. Ganz schnell. Das „klackert“ lustig und lockert die Zunge. Dann spüle ich sie mit einem kräftigen Schluck Whisky. Nein – das ist natürlich Quatsch – HAHA!!! Im Ernst: Wenn ich ein Tasting schreibe, versuche ich meine Wahrnehmungsfähigkeit neu zu ergründen. Im Jahr 2016 nannte ich das „technisches Rauchen“. Ich konzentrierte mich auf den Zugwiderstand und welche Geschmacksnuancen ich erkennen kann. Das ist sehr analytisch und ist sehr anstrengend. Vielleicht mag man das gar nicht glauben. Etwa im Mai 2017 fing ich an das „technische Rauchen“ mit „Genussrauchen“ zu kombinieren. Wenn ich jetzt ein Tasting schreibe, dann steht der Genuss immer im Vordergrund. Ich nenne das „Genuss-Technik“. Hört sich furchtbar an, ich weiss. So analysiere ich den Geschmack zwar analytisch, aber geniesse dabei ganz bewusst die Zigarre. Der schönste Genuss ist allerdings für mich, wenn ich kein Tasting schreibe, sondern mich einfach der Zigarre hingebe. Ich sage dann gerne: „Ich lasse die Zigarre zu mir kommen.“

Hast du neue Freunde gewonnen durch ZigarrenZone? Erzähl mir ein oder zwei Beispiele.

Natürlich, eine Zigarre verbindet. Wobei „Freunde“ in unserem europäischen Sinne etwas zu viel gesagt ist. In den USA ist ganz schnell jemand ein „Friend“. Also in diesem USA-Sinn habe ich sehr viele Freunde gewonnen. Wir arbeiten sehr eng miteinander. Ich erhalte Hintergrundinfos, die ich hin und wieder für eine Story verwenden darf. Ich kann gar nicht alle aufzählen, denn es sind recht viele, die ich zu meinem ZigarrenZone-Expertennetzwerk zählen darf.

Wieviel Zeit verbringst du täglich mit dem Thema Zigarre?

Im Durchschnitt etwa zwei bis drei Stunden täglich. Samstag und Montag sind es dann jeweils pro Tag zwischen 8 – 10 Stunden. Etwas mehr ist es, wenn ich an der neuen Ausgabe meiner Onlinezeitschrift Flash Cigar arbeite (www.zigarren.zone/flashcigar).

Was machst du ‚eigentlich‘? Dein Beruf? 

Ich arbeite bei Hair Sun Intercoiffure in Basel im Backoffice. Ich mache die gesamte Administration, Werbung und Buchhaltung. Ich bin kein Friseur. Meine Lehre habe ich als Florist absolviert. Einige Jahre danach habe ich den Beruf jedoch an den Nagel gehängt und habe mich in Marketing und Psychologie intensiv weitergebildet.

Willst du dich irgendwann ganz der Zigarre widmen?

Sobald sich ein Mäzen findet, der das finanziert, sehr gerne 🙂 Allerdings glaube ich nicht daran, dass es einen solchen Menschen gibt. So, wie es jetzt ist gefällt es mir perfekt. Ich arbeite bei Hair Sun seit Anfang 2017 noch 60%, weil ich mich die restliche Zeit um ZigarrenZone kümmere.

Wie hat die Industrie auf dich reagiert?

Bisher sehr positiv. Sie schätzen meine ehrliche Kommunikation. Auch wenn mal etwas nicht stimmt mit einer Zigarre sprechen wir miteinander und finden immer eine Lösung.

Was ist, wenn du mal etwas kritisches schreibst?

Das muss ich – sonst bin ich unglaubwürdig. Obwohl einige Leser meinen, ich schreibe zu nett über die Zigarren, die ich verkosten darf. Das sehe ich ganz und gar nicht so. Fakt ist: Die Premium-Zigarren sind alle durchweg von sehr hohem Standard. Was soll ich also des Teufels Advokat spielen und nach jedem Krümelchen suchen? Dass hin und wieder mal etwas dabei ist, das nicht so toll ist, ist völlig normal – es ist ja ein Naturprodukt.

Ich nenne mal drei kritische Beiträge:

1) Die Lüge hinter Avo Greatest Hits 2001 – 2014 / http://www.zigarren.zone/die-luege-hinter-avo-greatest-hits-2001-2014/ Das Produkt suggeriert, dass es sich hierbei wirklich um Zigarren handelt, die in jenen Jahren aufgelegt wurde. Dem ist aber nicht so. Die Zigarren wurden nachträglich mit dem selben Blend hergestellt. Das habe ich scharf kritisiert. Die Reaktion von der Industrie? „Danke für deine ehrlichen Worte.“

2) Das Geheimnis hinter dem Problem mit der Davidoff Year Of The Rooster 2017 / http://www.zigarren.zone/das-geheimnis-hinter-dem-problem-mit-der-davidoff-year-of-the-rooster-2017/ Ich erhielt vier Zigarren vor dem Verkaufsstart um darüber zu schreiben. Drei davon waren Totalausfälle und eine war sensationell. Ich schrieb über diese eine Zigarre. Ich wusste, dass hier ein Problem besteht. Ich sprach mit Davidoff und mir wurde eine Lösung aufgezeigt. Ich testete die Lösung und sie funktionierte. Erst danach habe ich den Bericht veröffentlicht. Die Reaktion von der Industrie? „Danke für die ausgewogene Berichterstattung.“

3) H.Upmann Noellas Glas Jar eine Wiederauflage von 2013 / http://www.zigarren.zone/h-upmann-noellas-glas-jar-eine-wiederauflage-von-2013/ Diese Wiederauflage war im Jahr 2010 erschienen. Bei einem Habanos Specialist entdeckte ich diesen Jar mit dem Boxingdate 2013. Das grüne Siegel war gelasert und der Strichcode war entfernt worden. Das war ein Parallelimport in der Schweiz, das ist legal. Nach Recherchen stellte ich fest, dass die Kubaner im Jahr 2013 einfach eine erneute Wiederauflage davon machten. Aber kaum jemand wusste das. Ich bat den Parallelimporteur um Stellungnahme. Die Reaktion: „Vielen Dank für die ehrliche Berichterstattung.“ Interessant ist: Dieser Parallelimporteur lässt das Siegel nun unberührt.

Wie kamst du auf die Idee, eine Lounge aufzumachen?

Mein Bauchgefühl sagte mir: „Das wäre das richtige, damit du eine schöne Umgebung hast um über Zigarren zu schreiben.“ Es dauerte etwa ein Jahr, bis ich die geeignete Location gefunden habe. Das ist mein Refugium. Hier ziehe ich mich zurück und arbeite an ZigarrenZone und an Flash Cigar. Hin und wieder habe ich Gäste (Leser und aus der Industrie). Das war der Sinn, damit man sich persönlich auch kennenlernen kann.

Warum ist sie so klein? 

ZigarrenZone ist ein Privatprojekt, mir ist das völlig ausreichend. Knapp 40m2 sind ideal für mich. 5 Plätze in der Lounge, ein Schreibtisch, ein PC – perfekt. Mehr brauche ich nicht. Auf diesen 40m2 entsteht alles, was man bei ZigarrenZone lesen und sehen kann.

Wie wird sie angenommen?

Hervorragend. Alle Gäste waren bisher sehr begeistert.

Erzähl mir eine Beispielabend bei dir in der Lounge.

Ich nenne einen solchen Abend „Late Hour Smoke“. Es kommen vier angemeldete Gäste zu mir um 21.15 Uhr. Beim ersten Abend war kurz vor 2 Uhr Früh Schluss. Wir verkosten blind eine Zigarre. Also, ich meine, jeder hat eine Zigarre zum rauchen 🙂 Wir unterhalten uns darüber, wie sie einem schmeckt. Wir trinken dazu schöne Rums oder Whisky, Cola, Wasser, Kaffee… Es gibt ein paar Häppchen dazu. Wir unterhalten uns dann auch über andere Themen. Jeder kann etwas von seinen „Plagegeistern“ erzählen und man erkennt: Ah, der hat das selbe Problem wie ich. Wir sprechen davon, ob und wie man so was lösen kann. Im Hintergrund läuft kubanische, karibische oder Lounge-Musik. Alles ganz entspannt und auch lustig. Und natürlich sprechen wir viel über Zigarren. Dann, etwa nach einer Stunde lüfte ich das Geheimnis der Zigarre. Wir machen Fotos und veröffentlichen sie in den Sozialen Medien. Wer dann noch Lust hat, kann sich gerne eine weitere Zigarre schnappen und sie verkosten. Jeder Gast bekommt auch ein Exemplar vom Blind-Tasting für nach Hause. Über den ersten Late Hour Smoke habe ich einen Bericht verfasst: http://www.zigarren.zone/rauch-ueber-liestal-am-ersten-late-hour-smoke/

Was sagt deine Frau zu deinem Hobby? Sieht sie dich noch?

Letztens sagte sie zu mir: „Schatz, ich möchte mal wieder wohin, wo ich schon lange nicht mehr war.“ Ich antwortete: „Gerne – versuch’s mal mit der Küche!“ HAHAHA – Scherz. Natürlich sieht sie mich. Wir arbeiten beide viel und sehen uns immer gegen 20 Uhr. Wir essen gemeinsam, sprechen über dieses und jenes. Wichtig für uns sind die Frühstücke am Sonntag. Das zelebrieren wir. Dann stehe ich in der Küche :/ Ab und zu auch am Samstag, aber da bin ich oftmals schon um 7 Uhr früh in der Lounge und arbeite an ZigarrenZone. Meine Frau ist das Beste, was mir passieren konnte. Sie hat den Raum für die Lounge entdeckt, den ich gemietet habe. Auch die Lounge Sessel hat sie im Internet entdeckt. Sie hilft mir wo es geht – aber Zigarren verkosten macht sie nicht.

Was sind deine Visionen für die nächsten 12 Monate?

Flash Cigar werde ich qualitativ noch mehr nach vorne bringen. Ich arbeite an den Ausgaben schon zwei bis drei Monate vorher, damit ich spannende Beiträge für meine Leser schreiben kann. Als ich im Jahr 2016 testweise damit begann, arbeitete ich an den Ausgaben etwa einen Monat vorher. Das ist zu spät und die Qualität litt darunter. Das darf nicht sein und deshalb: „Back to the roots“ – Qualität geht vor.

Die nächsten 5 Jahre?

Ein Grosshumidor von Remo Nüesch (http://www.nuesch-humidore.com) muss in die ZigarrenZone-Lounge. Etwa 2 Meter hoch und etwa drei Meter lang. Bislang habe ich von ihm einen Humidor-Kubo. Auch eine anständige Lüftung muss rein. Im Winter will ich meine Late Hour Smokes auch durchführen, aber da können wir nicht immer die Türe zum Balkon offen lassen. Und vor allem: Viele glückliche Leser und so angenehme und aufrichtige Industrie-Zusammenarbeit wie ich sie bisher schon haben darf.

Hast du eine Lebensvision? 

Meine Authentizität bewahren.

Annette, vielen Dank für deine Fragen 🙂

2 Kommentare

    • Annette sagt

      Lieber Vasilij,

      das habe ich mit grösstem Vergnügen gepostet! Die Leidenschaft mit der Du die Zigarrenzone täglich auf’s Neue befeuerst wirkt ansteckend! Weiter so!
      Alles Liebe,

      Annette

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