Alle Artikel in: Menschen

Köln hinter der Domplatte

Köln hinter der Domplatte

Nach meiner sechswöchigen Reise durch Nicaragua und Florida bin ich wieder in Köln, meiner Heimat, der ich einst eigenhändig den Titel verlieh wie einen privaten Oscar. Lange bin ich nicht mehr durch die Altstadt spaziert, zuletzt an Silvester, dem ersten nach jenem Jahreswechsel 2015 mit den beschämenden sexuellen Übergriffen auf der Domplatte, auf die ich in den USA mehrfach angesprochen wurde. Dort gibt es eine Vokabel dafür, die alles zusammenfasst und dennoch in jedem Kopf einen unterschiedlichen Film abspulen lässt: „The Shame of Cologne“. Unsere Stadt ist international zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, eine Prise Angst vor dem Fremden scheint sich in der Seele des fröhlichen Rheinländers und nicht nur dort eingenistet zu haben, die man durch friedliche, weltoffene Gegenerlebnisse gerne irgendwann einmal überdeckt oder abgewischt sehen möchte, vor allem wenn man mit der Stadt aus welchen Gründen auch immer auf kumpelhaftem Du-zu-Du steht.  An Silvester 2016 musste ich Absperrungen und Sicherheitskontrollen durchqueren, die eines Rockfestivals würdig gewesen wären, um auf die relativ leere Domplatte zu gelangen, wo der Sankt Stephanschor „My Lord, oh my Lord!“ …

Schnell und wütend

Ich hätte ihn fragen sollen, was es mit diesem Werbespruch auf sich hat. Aber sein Charisma, die feine Linie seines Schnurrbartes, die mandelförmigen dunklen Augen und der schwarze Lederhut beeindruckten mich so, dass mir die Frage erst einfiel, als wir zurück im Stadtzentrum Matagalpas waren. Die erste Zeile seiner Firmenbezeichnung lautete Schuhklinik. Sie war von Hand auf sein Firmenschild gemalt: eine Sperrholzplatte mit zwei kleinen Löchern, an einer Paketschnur aufgehängt. Der Laden maß knapp zwei Quadratmeter, eine Wellblechhütte mit Auslug zur Straße. „Wie läuft das Geschäft?“ fragte ich den Gaucho. „Hervorragend“, lachte er. „Es gibt immer viel zu tun!“ Ein einzelner Kindersportschuh hing an eine Schnur geknüpft im Fenster, im Hintergrund an der Wand prangten zwei schicke, wenn auch abgenutzte Damensandaletten. „Darf ich reingucken?“ Er winkte mich zu sich und zeigte mir einen Teil seiner Ausrüstung. „Sehen Sie, diese Laubsäge? Damit schneide ich die hohen Absätze ab.“ Die anderen Werkzeuge konnte ich nicht richtig zuordnen, geschweige denn erkennen. Einige Schnüre und Drähte, ja, ein Teppichmesser, der Rest wirkte wie die Miniatursammlung eines Messies. Er jedoch …

Von der Tarantel gestochen

„Tarántula“ sagt Jorge und hebt die handtellergroße Spinne an einem ihrer haarigen Beine vom Boden auf. Ich wage mich nicht zu rühren. Sein Bruder Amado folgt uns in ein paar Metern Entfernung, da schleudert Jorge das Tier direkt gegen dessen Shorts. Er entwischt, der Schrei. Jorge kichert haltlos vor sich hin, Amado wirft einen trockenen Ast in unsere Richtung. Nicaraguanischer Familienspaß. „Warum bist du so bleich, Annette? Du bist doch von Natur aus schon weiß genug,“ schmunzelt Jorge. „Sie ist tot! Und selbst wenn sie leben, tun sie nichts.“ Er hebt sie auf, hält sie mir vor’s Gesicht. „Du hast doch keine Angst, oder?“ Gänsehaut. Sie rührt sich nicht, ich mich auch nicht, vielleicht ist sie ohnmächtig oder ich werde es gleich. „Die sind doch irre gefährlich!“ erkläre ich, aus Versehen auf Deutsch. „Oder ist sie harmlos, weil tot?“ „Für Menschen sind sie ungefährlich“, erklärt Jorge und ich beschließe, das zu googeln, sowie ich wieder Internet habe, was in diesen Gegenden Nicaraguas etwas dauern kann. Im Dorf belagere ich Jorges Vater Don Carlos, einen wettergegerbten …

Der Barbierbesuch

„Hinten wird mir schwindlig!“ mit diesem Hinweis ergattere ich oft den Beifahrersitz und eine weitere Reisedimension: die Welt des Mannes am Steuer. Meine unermüdliche Fragelust hält den Busfahrer wach, das Interesse an seiner Person versetzt ihn in Stimmung, die Fahrgemeinschaft profitiert. Wie ein Staubsauger verschlinge ich hingeworfene Kurzinfos, Scheibchen von Lebensweisheiten und Anekdoten am Stück, füge gedanklich Puzzlestein zu Puzzlestein und bin gespannt, welches Bild am Ende heraus gespuckt wird. Juan arbeitet erst seit drei Monaten bei NicaTravel. Die Minibus-Agentur gehört einem Chinesen mit nicaraguanischer Ehefrau und bedient ein Netz von Reisezielen, die vor allem von Backpackern angesteuert werden. Er ist seinem neuen Arbeitgeber dankbar für geregelte Fahrtzeiten, nagelneue Fahrzeuge und einen respektvollen Umgang. Das war nicht immer so. Seine Geschichte beginnt und endet beim Barbier. „Ein Mann kann einen anderen Mann nicht erniedrigen“, sagt Juan. „Nur Gott kann das tun!“ Meint er Mann, oder Mensch? Wenn man auf Spanisch von Menschen im Allgemeinen spricht, benutzt man ein und dasselbe Wort: hombres. Doch der Spruch, den ich in Nicaragua schon öfter gehört habe, ist gefärbt …

Nacht im Canyon

Lena kam eines Tages als Touristin für die Canyon-Tour und eine Übernachtung. Blieb drei Nächte. Verlängerte auf zwei Wochen. Als ich sie kennenlerne, ist sie seit vier Monaten hier. Sie erzählt ihre Geschichte nur selten. Ein großer Lebensschmerz hat sie durch Lateinamerika irren und hier landen lassen. Die einfachen, naturverbundenen Dorfbewohner haben sie wortlos adoptiert und der Canyon tut ihr einfach gut. „Ich würde so gerne mal eine Nacht in der Schlucht verbringen,“ verrät sie mir. Wir kennen uns gerade zwei Stunden. „Aber alleine hätte ich Angst!“ Ohne nachzudenken sage ich: „Ich komm mit!“ Am nächsten Abend wandern wir mit einer undichten Luftmatraze, einer dicken weißen Plastikfolie, Knabbersachen, einer Flasche roten Cote du Rhone, ein paar Jacken und einem Schlafsack vierzig Minuten hinunter zum Ausgang des Canyons. Don Alfonso, von dem man im Dorf erzählt, dass er zur Zeit des nicaraguanischen Befreiungskrieges als Doppelagent für Sandinisten und Contras gearbeitet hat, schickt uns seinen Hund Rosso mit. Der begleitet uns unbeirrt, als könne er die Worte seines alten Herrchens verstehen. Im Laufe der Nacht werden wir …

Hostal Dorm

Bist du wahnsinnig?

„Bist du wahnsinnig?“ whatsappt mir meine 30jährige Freundin Alina aus München. Ich habe weder angekündigt auf Krokodiljagd zu gehen, noch etwas von Bungeejumping erzählt. „Das könnte ich niemals!“ schiebt sie nach. Nun, ich muss gestehen, auch für mich ist es eine Herausforderung. Denn ich habe ihn einfach übersprungen, damals, den Jugendherbergsabschnitt. Heute spricht man von Hostals, überall auf der Welt, vermutlich, um diese Unterbringungsmöglichkeit auch meiner Zielgruppe schmackhaft zu machen, das mit der Jugend gehört ja der Vergangenheit an… Ich übe für meine große Reise – ein Lebenstraum – die ich in naher Zukunft plane: 6 Monate Lateinamerika. Ich verhalte mich, wie so oft, antizyklisch, die ganzen Ko-Backpacker, die ich hier treffe, sind meist gerade mit der Schule fertig und wissen noch nicht, was sie studieren sollen. Aber für nichts im Leben ist es je zu spät, deswegen habe ich heute wagemutig entschieden, in einem waschechten Hostal im Dorm – so nennen die Backpacker den Schlafsaal – zu übernachten. Der Raum hat ein dünnes Wellblechdach und Wände aus Strohmatten, sechs richtige Betten, gebaut aus weißgestrichenen …

Foltergefängnis

Gruselgeschichten im Foltergefängnis

Als Geschichtenjägerin und -sammlerin muss ich natürlich das Museum der Legenden in León, Nicaragua besuchen! Was für Konzept, ein Museum für das Nichtmaterielle, Nichtfassbare, Nichtüberprüfbare. Was legt man da in die Vitrinen? Teile des Erzählschatzes dieses magischen Kontinents aus dem sich Gabriel García Márquez und Isabel Allende und ungezählte weniger berühmte Schreibgenossen bedienen und bedienten? Punkt acht Uhr stehe ich als erste und einzige Besucherin vor den Pforten des Gebäudes. Direkt am Eingang rostet ein uralter Panzer vor sich hin und als ich gerade grübele, welche Legende dazu gehört, fällt mein Blick auf eine Tafel „Ehemaliges Foltergefängnis der Somoza-Diktatur.“ Ein Schreck durchfährt mich. Bin ich im Revolutionsmuseum gelandet? Aber das ist doch oben an der Plaza? Ein museumsfinanzierter immer lächelnder Indio gibt mir eine Privatführung, das ist im Eintrittspreis von 50 Cordoba, also weniger als 2 Doller, enthalten. Licht kommt ins Dunkel. Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit eine Señora namens Carmen, deren Faible für die Storys, die in León und umliegenden Dörfern erzählt wurden, dazu führte, dass sie lebensgroße Puppen bauen ließ, …

Nicaragua

Das Paradies ist jetzt

Im Café de la Luz sind alle Tische belegt. Ich bestelle ein nicaraguanisches Tona-Bier und lehne mich gegen die Theke, hinter der ein kleiner schwarzhaariger Barkeeper mit den hier typischen – durch Reis mit Bohnen – verursachten Extrapfunden ausgestatteter Barmann sparsam lächelt. Vor mir sitzt eine einsame Lady und liest ein Buch. Als sie die Rechnung verlangt geselle ich mich geschwind zu ihr, bevor jemand anderes den Tisch in Beschlag nimmt. „Sie gehen? Darf ich?“ An ihrem kastilischen Akzent erkenne ich die Spanierin. Wir kommen ins Gespräch. Eine Reisende, doch nicht eine der typischen Backpacker, die man in Estelí antrifft. Seit 4 Jahren on the road. Zwei Jahre Asien, dann zwei Monate zuhause und wieder weg. Australien mit work and travel Visum: Äpfel ernten, Spanisch Unterricht geben, Haushaltshilfe. Wir wollen uns gerade verabschieden, da frage ich: „Haben Sie Pläne für die Zukunft? Einen ganz besonderen Wunsch?“ Sie verneint. „Das Leben ist jetzt. Heute. Ich habe mir abgewöhnt, über die Zukunft nachzudenken.“ Jetzt wird es spannend. „Sie sollten ein Buch schreiben über ihre Reise und ihre …

La Galana Zigarrensalon

La Galana – Begegnungen und Augenblicke

La Galana ist spanisch und heißt übersetzt „Gentlewoman“. Dieser merkwürdige und ungebräuchliche Anglizismus sagte mir nicht all zuviel und so wagte ich mich weiter hinaus, um die Bedeutung der Vokabel zu entschlüsseln. Wer spanische Wörterbücher wälzt oder bei Google nachsieht, entdeckt konträre Bedeutungen, die von „Edelfrau“ bis „Lebefrau“ reichen, Tatsache, die Anfang des Jahrtausends meine Kreativität anspornte, um den für meine Zigarren gewählten Markennamen mit eigenen Werten zu füllen. Für mich ist La Galana eine Frau, die das Leben genießt, sich nimmt, was sie möchte und dabei ihre Weiblichkeit auskostet. La Galana – das bin in ich, Annette Meisl, eine Frau in ihren besten Jahren, die ihr Alter nicht verrät, weil ich finde, eine Frau kann mit 39 Jahren getrost aufhören, ihre Geburtstage zu zählen. Stattdessen feiere ich jeden einzelnen davon mit treuen Weggefährtinnen und Freunden, karibischem Rum, kubanischen Zigarren und handgemachter Musik. So viel verrate ich aber gerne: ich bin schon einige Male 39 geworden! Eine wichtige Würze in meinem Leben kommt von den Menschen, die die das sogenannte Schicksal in meinen Zigarrensalon führt, …

Rey - Vieja Trova Santiaguera

Abschied von Rey

Als ich ihn kennenlernte war er 78 und stand am Beginn seiner Karriere. Als Gründer und Bandleader der fünfköpfigen Boygroup Vieja Trova Santiaguera steuerte er fast ein Fünftel zum Gesamtalter der Band bei. Ja, 400 Jahre brachten die Jungs damals gemeinsam auf die Lebenswaage und schwangen noch immer kokett das Tanzbein, während sie den Swing des Son Cubano, dieser typischen leichtfüßigen kubanischen Musik, auf die Bühnen Europas brachten. Als Künstleragentin tourte ich die Rentnerband, wie sie von den Medien scherzhaft genannt wurde durch Deutschland, Österreich, Belgien, die Schweiz und die Niederlanden und bewunderte ihre Disziplin, wenn sie abends vor dem Schlafengehen ein Glas lauwarme Milch statt eines Rums bestellten und wurde fast wehmütig bei soviel Lasterlosigkeit, bis ich entdeckte, dass eines überlebt hatte: das Flirten. Kaum erschien eine junge Frau auf der Bildfläche, ging ein Ruck durch die alten Knochen, der fast blinde Hierrezuelo wurde ganz blind, damit ihn die Schönheit durch das Labyrinth des Backstage führte, der 92 jährige Bassist Aristoteles öffnete seine sonst immer halb geschlossenen Augen und zwinkerte der Dame zu und …