Alle Artikel in: Reisen

Schnell und wütend

Ich hätte ihn fragen sollen, was es mit diesem Werbespruch auf sich hat. Aber sein Charisma, die feine Linie seines Schnurrbartes, die mandelförmigen dunklen Augen und der schwarze Lederhut beeindruckten mich so, dass mir die Frage erst einfiel, als wir zurück im Stadtzentrum Matagalpas waren. Die erste Zeile seiner Firmenbezeichnung lautete Schuhklinik. Sie war von Hand auf sein Firmenschild gemalt: eine Sperrholzplatte mit zwei kleinen Löchern, an einer Paketschnur aufgehängt. Der Laden maß knapp zwei Quadratmeter, eine Wellblechhütte mit Auslug zur Straße. „Wie läuft das Geschäft?“ fragte ich den Gaucho. „Hervorragend“, lachte er. „Es gibt immer viel zu tun!“ Ein einzelner Kindersportschuh hing an eine Schnur geknüpft im Fenster, im Hintergrund an der Wand prangten zwei schicke, wenn auch abgenutzte Damensandaletten. „Darf ich reingucken?“ Er winkte mich zu sich und zeigte mir einen Teil seiner Ausrüstung. „Sehen Sie, diese Laubsäge? Damit schneide ich die hohen Absätze ab.“ Die anderen Werkzeuge konnte ich nicht richtig zuordnen, geschweige denn erkennen. Einige Schnüre und Drähte, ja, ein Teppichmesser, der Rest wirkte wie die Miniatursammlung eines Messies. Er jedoch …

Von der Tarantel gestochen

„Tarántula“ sagt Jorge und hebt die handtellergroße Spinne an einem ihrer haarigen Beine vom Boden auf. Ich wage mich nicht zu rühren. Sein Bruder Amado folgt uns in ein paar Metern Entfernung, da schleudert Jorge das Tier direkt gegen dessen Shorts. Er entwischt, der Schrei. Jorge kichert haltlos vor sich hin, Amado wirft einen trockenen Ast in unsere Richtung. Nicaraguanischer Familienspaß. „Warum bist du so bleich, Annette? Du bist doch von Natur aus schon weiß genug,“ schmunzelt Jorge. „Sie ist tot! Und selbst wenn sie leben, tun sie nichts.“ Er hebt sie auf, hält sie mir vor’s Gesicht. „Du hast doch keine Angst, oder?“ Gänsehaut. Sie rührt sich nicht, ich mich auch nicht, vielleicht ist sie ohnmächtig oder ich werde es gleich. „Die sind doch irre gefährlich!“ erkläre ich, aus Versehen auf Deutsch. „Oder ist sie harmlos, weil tot?“ „Für Menschen sind sie ungefährlich“, erklärt Jorge und ich beschließe, das zu googeln, sowie ich wieder Internet habe, was in diesen Gegenden Nicaraguas etwas dauern kann. Im Dorf belagere ich Jorges Vater Don Carlos, einen wettergegerbten …

Der Barbierbesuch

„Hinten wird mir schwindlig!“ mit diesem Hinweis ergattere ich oft den Beifahrersitz und eine weitere Reisedimension: die Welt des Mannes am Steuer. Meine unermüdliche Fragelust hält den Busfahrer wach, das Interesse an seiner Person versetzt ihn in Stimmung, die Fahrgemeinschaft profitiert. Wie ein Staubsauger verschlinge ich hingeworfene Kurzinfos, Scheibchen von Lebensweisheiten und Anekdoten am Stück, füge gedanklich Puzzlestein zu Puzzlestein und bin gespannt, welches Bild am Ende heraus gespuckt wird. Juan arbeitet erst seit drei Monaten bei NicaTravel. Die Minibus-Agentur gehört einem Chinesen mit nicaraguanischer Ehefrau und bedient ein Netz von Reisezielen, die vor allem von Backpackern angesteuert werden. Er ist seinem neuen Arbeitgeber dankbar für geregelte Fahrtzeiten, nagelneue Fahrzeuge und einen respektvollen Umgang. Das war nicht immer so. Seine Geschichte beginnt und endet beim Barbier. „Ein Mann kann einen anderen Mann nicht erniedrigen“, sagt Juan. „Nur Gott kann das tun!“ Meint er Mann, oder Mensch? Wenn man auf Spanisch von Menschen im Allgemeinen spricht, benutzt man ein und dasselbe Wort: hombres. Doch der Spruch, den ich in Nicaragua schon öfter gehört habe, ist gefärbt …

Ach du dicker Zeh!

Ich war tanzen. Tatsächlich! Dabei halten sich meine Salsakenntnisse in engen Grenzen. Als ich vor Jahren auf Kuba war, sagte ich jedem, der mich aufforderte „Ich hab mir den Fuß verletzt, tut mir leid.“ Bis ein spindeldürrer Mathematikprofessor auftauchte, einen Kopf kleiner als ich, meine Bedenken mit einer Hand wegwischte und mich vom Stuhl hochzog. Trotz fehlendem Körpergewicht schaffte er es, mich mit nur zwei Schritten in seinen Strudel der Bewegung zu ziehen und wir wirbelten über die Tanzfläche als seien wir beim Wiener Opernball. Als ich mich nach drei Tänzen atemlos auf meinem Platz wiederfand, sahen mich meine Freundinnen anerkennend an. „Wir wussten nicht, dass Du so gut tanzen kannst!“ Ich auch nicht. Das ist Jahre her. Nun finde ich mich in einer urigen Kneipe mitten in der Provinzhauptstadt León in Nicaragua und heiße Salsamusik bricht über uns ein. Die ersten vier Gentleman kann ich noch geschickt abwehren, bis ein kleiner schmaler Indio an meine Kubaerfahrung anknüpft. Er zieht mich hinter sich her und los geht’s. Ich bin baff! Er scheint zu dieser eigenen …

Nacht im Canyon

Lena kam eines Tages als Touristin für die Canyon-Tour und eine Übernachtung. Blieb drei Nächte. Verlängerte auf zwei Wochen. Als ich sie kennenlerne, ist sie seit vier Monaten hier. Sie erzählt ihre Geschichte nur selten. Ein großer Lebensschmerz hat sie durch Lateinamerika irren und hier landen lassen. Die einfachen, naturverbundenen Dorfbewohner haben sie wortlos adoptiert und der Canyon tut ihr einfach gut. „Ich würde so gerne mal eine Nacht in der Schlucht verbringen,“ verrät sie mir. Wir kennen uns gerade zwei Stunden. „Aber alleine hätte ich Angst!“ Ohne nachzudenken sage ich: „Ich komm mit!“ Am nächsten Abend wandern wir mit einer undichten Luftmatraze, einer dicken weißen Plastikfolie, Knabbersachen, einer Flasche roten Cote du Rhone, ein paar Jacken und einem Schlafsack vierzig Minuten hinunter zum Ausgang des Canyons. Don Alfonso, von dem man im Dorf erzählt, dass er zur Zeit des nicaraguanischen Befreiungskrieges als Doppelagent für Sandinisten und Contras gearbeitet hat, schickt uns seinen Hund Rosso mit. Der begleitet uns unbeirrt, als könne er die Worte seines alten Herrchens verstehen. Im Laufe der Nacht werden wir …

Hostal Dorm

Bist du wahnsinnig?

„Bist du wahnsinnig?“ whatsappt mir meine 30jährige Freundin Alina aus München. Ich habe weder angekündigt auf Krokodiljagd zu gehen, noch etwas von Bungeejumping erzählt. „Das könnte ich niemals!“ schiebt sie nach. Nun, ich muss gestehen, auch für mich ist es eine Herausforderung. Denn ich habe ihn einfach übersprungen, damals, den Jugendherbergsabschnitt. Heute spricht man von Hostals, überall auf der Welt, vermutlich, um diese Unterbringungsmöglichkeit auch meiner Zielgruppe schmackhaft zu machen, das mit der Jugend gehört ja der Vergangenheit an… Ich übe für meine große Reise – ein Lebenstraum – die ich in naher Zukunft plane: 6 Monate Lateinamerika. Ich verhalte mich, wie so oft, antizyklisch, die ganzen Ko-Backpacker, die ich hier treffe, sind meist gerade mit der Schule fertig und wissen noch nicht, was sie studieren sollen. Aber für nichts im Leben ist es je zu spät, deswegen habe ich heute wagemutig entschieden, in einem waschechten Hostal im Dorm – so nennen die Backpacker den Schlafsaal – zu übernachten. Der Raum hat ein dünnes Wellblechdach und Wände aus Strohmatten, sechs richtige Betten, gebaut aus weißgestrichenen …

Foltergefängnis

Gruselgeschichten im Foltergefängnis

Als Geschichtenjägerin und -sammlerin muss ich natürlich das Museum der Legenden in León, Nicaragua besuchen! Was für Konzept, ein Museum für das Nichtmaterielle, Nichtfassbare, Nichtüberprüfbare. Was legt man da in die Vitrinen? Teile des Erzählschatzes dieses magischen Kontinents aus dem sich Gabriel García Márquez und Isabel Allende und ungezählte weniger berühmte Schreibgenossen bedienen und bedienten? Punkt acht Uhr stehe ich als erste und einzige Besucherin vor den Pforten des Gebäudes. Direkt am Eingang rostet ein uralter Panzer vor sich hin und als ich gerade grübele, welche Legende dazu gehört, fällt mein Blick auf eine Tafel „Ehemaliges Foltergefängnis der Somoza-Diktatur.“ Ein Schreck durchfährt mich. Bin ich im Revolutionsmuseum gelandet? Aber das ist doch oben an der Plaza? Ein museumsfinanzierter immer lächelnder Indio gibt mir eine Privatführung, das ist im Eintrittspreis von 50 Cordoba, also weniger als 2 Doller, enthalten. Licht kommt ins Dunkel. Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit eine Señora namens Carmen, deren Faible für die Storys, die in León und umliegenden Dörfern erzählt wurden, dazu führte, dass sie lebensgroße Puppen bauen ließ, …

Busbahnhof

Backpackerin ohne Rucksack

Seit zwei Tagen bin ich eine Backpackerin. Meine Reiserei hat ihren geschäftlichen Hintergrund abgelegt, ich bin nicht auf Familien- oder Freundesbesuch, ich absolviere keine Studienreise und habe mich nicht der Erholung verschrieben. Wo ich mich bewege, treffe ich auf Backpacker, daher vermute ich, dass ich seit vorgestern dieser Spezies angehöre. Backpacker sind Reisende mit viel Zeit und relativ wenig Plänen, manche sind monatelang unterwegs und Wegentscheidungen werden oft unterwegs im Austausch mit anderen Backpackern getroffen. Ich bin also nicht die einzige, die vor der Fülle der Möglichkeiten Respekt hat. Trotz dieses Schwebezustandes schält sich die Reiseroute peu a peu wie eine Zwiebel aus ihren Schalen. Heute Morgen um 6 Uhr wusste ich noch nicht, ob ich im Canyon de Somoto bleiben oder nach Matagalpa weiterreisen sollte, um die dortigen Kaffeeplantagen zu besichtigen. Ich verpasste die Expressverbindung, nahm den Chicken Bus nach Estelí, stellte mich am Busbahnhof in die Schlange zum Minibus nach León, der sich so verspätete, dass ich die Lust verlor und zu meinem Koffer heimkehrte, der in der Casa Hotel Elena in Esteli …

Mal ganz ehrlich…

Was tun? Hilfe! Mein offizielles Reiseprogramm – der Besuch der Tabakmanufaktur Plasencia und der Zigarrenstadt Estelí ist absolviert und ich befinde mich in einer mir unbekannten Situation. Reisen, einfach so? Ohne Programm? Ohne Planung? Zweieinhalb lange Wochen liegen vor mir wie eine Perlenkette leerer Seiten. Da packt mich sicherheitshalber erst mal kurz und heftig das Heimweh. Fluchtgedanken, die ich schnell wegschiebe, wäre doch gelacht. Aber wohin jetzt? Im wilden Norden bleiben und Canyons, Wasserfälle, Urwälder und Tierwelt erforschen? Oder in die Kolonialstadt Granada reisen, einem El Dorado der Touristen mit Boutiquen, Bars und Diskotheken? Im Internet schwärmen viele von San Juan del Sur, einem hipen Küstenort im Süden. Gestern sagte mir eine Nicaraguakennerin: „Das ist für uns Ausländer gemacht, ich ziehe den Kontakt zum ursprünglichen Nicaragua vor.“ Nun bin ich zwar in einer ganz anderen Welt – an Deutschland erinnert nichts – aber hier multiplizieren sich die über- und nebeneinanderliegenden Subwelten, wie überall. Die Tabakbarone des reichen Estelí, dicht an dicht neben den fleißigen und bescheidenen Zigarrendrehern, auch bitterarme Bettler tauchen im Straßenbild auf wie …

Nicaragua

Das Paradies ist jetzt

Im Café de la Luz sind alle Tische belegt. Ich bestelle ein nicaraguanisches Tona-Bier und lehne mich gegen die Theke, hinter der ein kleiner schwarzhaariger Barkeeper mit den hier typischen – durch Reis mit Bohnen – verursachten Extrapfunden ausgestatteter Barmann sparsam lächelt. Vor mir sitzt eine einsame Lady und liest ein Buch. Als sie die Rechnung verlangt geselle ich mich geschwind zu ihr, bevor jemand anderes den Tisch in Beschlag nimmt. „Sie gehen? Darf ich?“ An ihrem kastilischen Akzent erkenne ich die Spanierin. Wir kommen ins Gespräch. Eine Reisende, doch nicht eine der typischen Backpacker, die man in Estelí antrifft. Seit 4 Jahren on the road. Zwei Jahre Asien, dann zwei Monate zuhause und wieder weg. Australien mit work and travel Visum: Äpfel ernten, Spanisch Unterricht geben, Haushaltshilfe. Wir wollen uns gerade verabschieden, da frage ich: „Haben Sie Pläne für die Zukunft? Einen ganz besonderen Wunsch?“ Sie verneint. „Das Leben ist jetzt. Heute. Ich habe mir abgewöhnt, über die Zukunft nachzudenken.“ Jetzt wird es spannend. „Sie sollten ein Buch schreiben über ihre Reise und ihre …