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Köln hinter der Domplatte

Köln hinter der Domplatte

Nach meiner sechswöchigen Reise durch Nicaragua und Florida bin ich wieder in Köln, meiner Heimat, der ich einst eigenhändig den Titel verlieh wie einen privaten Oscar. Lange bin ich nicht mehr durch die Altstadt spaziert, zuletzt an Silvester, dem ersten nach jenem Jahreswechsel 2015 mit den beschämenden sexuellen Übergriffen auf der Domplatte, auf die ich in den USA mehrfach angesprochen wurde. Dort gibt es eine Vokabel dafür, die alles zusammenfasst und dennoch in jedem Kopf einen unterschiedlichen Film abspulen lässt: „The Shame of Cologne“.

Unsere Stadt ist international zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, eine Prise Angst vor dem Fremden scheint sich in der Seele des fröhlichen Rheinländers und nicht nur dort eingenistet zu haben, die man durch friedliche, weltoffene Gegenerlebnisse gerne irgendwann einmal überdeckt oder abgewischt sehen möchte, vor allem wenn man mit der Stadt aus welchen Gründen auch immer auf kumpelhaftem Du-zu-Du steht.  An Silvester 2016 musste ich Absperrungen und Sicherheitskontrollen durchqueren, die eines Rockfestivals würdig gewesen wären, um auf die relativ leere Domplatte zu gelangen, wo der Sankt Stephanschor „My Lord, oh my Lord!“ sang, während bunte Wortprojektionen auf Boden, Wände und Menschen ein Wanken meines Orientierungssinnes verursachten und das ohne eine Tropfen Alkohol!

Heute hat das Fest für Alte Musik mich hergelockt. Der Glockenspieler zu Brügge und Damme spielt das Carillion hoch oben in der Spitze des Ratsturms. Ein musikalischer Leckerbissen, den ein Grüppchen Musikliebhaber am Rande des ums Spanische Rathaus gezogenen Bauzauns mit geschlossenen Augen im Sonnenlicht genießt. Schade, dass nicht mehr Menschen den Weg hierher gefunden haben. Reiseleiter mit Touristengruppen ziehen an uns vorbei. Sie ordnen das Glockenläuten wohl irgendwelchen sonntäglichen Ritualen zu. Ihnen entgeht, dass feine Künstlerhände Schubert-, Beethoven- und Wagnerklänge über die Dächer der Stadt schicken. Den letzten Glockenklängen innerlich nachlauschend schlendere ich am Rheinufer entlang, als ich auf dem Platz unterhalb der Treppen, die von hinten zu Museum Ludwig und Domplatte führen, einen Clown entdecke, der Passanten imitiert, staunenden Kleinkindern Luftballons aufpustet und so peu à peu ein Publikum von vier- bis fünfhundert Personen um sich schart.

Eine kunterbunte Menschenmenge sitzt auf der Treppe, lacht herzlich, wenn der Clown von seinem Handy aus in rasanter Folge treffende Zitate aus Filmmusiken wählt, um die Charaktere vorbei spazierender Fußgängern auf die Schippe zu nehmen, vor alten Damen seinen kleinen roten Teppich ausrollt, einer Joggerin eine Wasserflasche hinterherträgt oder einem Hund den Futternapf hinstellt. Ob Omas mit Rollator, türkische Macho-Jungs, Roma-Mütter mit Babys oder chinesische Touristen, er bezieht alle mit wohlwollender Ironie in seine Performance ein und die Vorstellung von Angst und Fremdheit fliegt mit den Luftballons Richtung sommerlicher Wolken gen Himmel zu Kölle. In diesem Moment marschieren drei Ordnungshüter quasi im Gleichschritt die Treppe hinunter und stoppen den Clown, die staunenden Zuschauer und die Magie. Das Publikum buht. Doch die drei ziehen ihre Nummer durch. Nein, sie gehören nicht zum Stück, auch wenn man es denken könnte. Die Familien mit Kindern, die Ausländer – Flüchtlinge die einen, Touristen die anderen – Einheimische, junge und alte Leute rufen den Ordnungshirten zu „Lasst ihn spielen! Wir wollen die Show sehen!“ Aber mit deutscher Gründlichkeit wird der Abbruch der Show vollgezogen, vom Künstler tragisch-komisch kommentiert, indem er sich auf den Boden wirft und sich tot stellt. Im letzten Moment springt er auf die Requisitenkiste und bittet um Spenden. Das Publikum umringt ihn und die Angestellten der Stadt Köln, eine Schwäbin sagt: „Sie könnten doch mal ein Auge zudrücken! Ich bin Touristin, was für ein schlechter Eindruck von Köln!“ Ein anderer sagt: „Ich bin en kölsche Jung, so war das früher nicht!“ Man erklärt uns, dass es ein offizielles Strassenkünstler-Zeitfenster gibt, das jede volle Stunde beginnt, eine halbe Stunde lang dauert und danach zum Ortswechsel verpflichtet. Der Künstler hatte um 7 Minuten überzogen. Da ist nichts zu machen.

„Silvesterübergriffe sind möglich!“ sage ich den Damen und Herren vom Ordnungsamt „Aber wegen 7 Minuten enttäuscht ihr all die strahlenden Kinder hier? Schade!“ „Ordnung muss sein!“ antwortet man. Das Gesetz soll Anwohner und Geschäftsinhaber schützen. Schließlich sind nicht alle Künstler gut. Wer drei Stunden am Stück einen schlechten Geiger ertragen muss, wird sich über diese Regelung freuen. Dass es hier unterhalb der Treppen weder Geschäftsinhaber noch Anwohner gibt kann man nicht berücksichtigen, Gesetz ist Gesetz. „Die können nichts dafür, die tun nur ihren Job!“ beruhigt der Clown die aufgebrachte Menge. Dennoch wird er aufgeschrieben und muß wohl mit einem Ordnungsgeld rechnen. Hartnäckig bahnt sich ein Gedanke den Weg: „Warum hat man diese Effektivität und Stärke nicht an Silvester 2015 gezeigt und damit über 1000 Übergriffe auf Frauen verhindert?“ Ich weiß, das eine und das andere hat nichts miteinander zu tun, nur die Orte des Geschehens liegen nah beieinander. Dennoch bleibe ich hilflos und enttäuscht zurück. Mein einziger Trost ist das solidarische Verhalten der Zuschauer, die für den Künstler in die Bresche gesprungen sind und ihm aus Solidarität den Spendenbeutel gefüllt haben.   

P.S. Ich habe den Künstler anschließend um seine Kontaktdaten gebeten, er ist Argentinier und heißt GOMA. www.theaterisshow.com

Köln hinter der Domplatte

2 Kommentare

  1. Christoph Madel sagt

    Hallo Annette,

    das ist schön und traurig zugleich.
    Ich freue mich schon auf einen Besuch mit Zigarre in der La Galana.

    • Annette sagt

      Lieber Christoph,
      ja – manchmal fâllt es einem schwer die Logik von politischen Massnahmen zu verstehen…
      Danke für’s Feedback und ein schönes WE wünscht Dir

      Annette

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