Reisen
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Mal ganz ehrlich…

Was tun? Hilfe! Mein offizielles Reiseprogramm – der Besuch der Tabakmanufaktur Plasencia und der Zigarrenstadt Estelí ist absolviert und ich befinde mich in einer mir unbekannten Situation. Reisen, einfach so? Ohne Programm? Ohne Planung? Zweieinhalb lange Wochen liegen vor mir wie eine Perlenkette leerer Seiten. Da packt mich sicherheitshalber erst mal kurz und heftig das Heimweh. Fluchtgedanken, die ich schnell wegschiebe, wäre doch gelacht. Aber wohin jetzt? Im wilden Norden bleiben und Canyons, Wasserfälle, Urwälder und Tierwelt erforschen? Oder in die Kolonialstadt Granada reisen, einem El Dorado der Touristen mit Boutiquen, Bars und Diskotheken? Im Internet schwärmen viele von San Juan del Sur, einem hipen Küstenort im Süden. Gestern sagte mir eine Nicaraguakennerin: „Das ist für uns Ausländer gemacht, ich ziehe den Kontakt zum ursprünglichen Nicaragua vor.“ Nun bin ich zwar in einer ganz anderen Welt – an Deutschland erinnert nichts – aber hier multiplizieren sich die über- und nebeneinanderliegenden Subwelten, wie überall. Die Tabakbarone des reichen Estelí, dicht an dicht neben den fleißigen und bescheidenen Zigarrendrehern, auch bitterarme Bettler tauchen im Straßenbild auf wie plötzliche Erscheinungen. Die Unendlichkeit der Möglichkeiten bedrückt mich einen Augenblick und bevor ich vor Schreck erstarre laufe ich zur Reiseagentur „Three Huggers“, die sich dem nachhaltigen Tourismus verschrieben haben und buche für morgen eine Tour nach Somoto. Ich werde mit dem öffentlichen Bus fahren, also einem dieser knallgelben oder sonst wie buntbemalten amerikanischen Oldtimer- Schulbusse. Dort holt mich ein Guide einer Local Community ab, der mich in einer vierstündigen Tour durch einen Canyon wandern, schwimmen und springen lassen wird, so steht es jedenfalls im Prospekt. Wie es weitergeht, überlasse ich den Begegnungen, den Inspirationen und den Wünschen des Augenblicks. Die Reise beginnt jetzt. Die Reise beginnt jeden Tag.

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