Menschen, Reisen
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Nacht im Canyon

Lena kam eines Tages als Touristin für die Canyon-Tour und eine Übernachtung. Blieb drei Nächte. Verlängerte auf zwei Wochen. Als ich sie kennenlerne, ist sie seit vier Monaten hier. Sie erzählt ihre Geschichte nur selten. Ein großer Lebensschmerz hat sie durch Lateinamerika irren und hier landen lassen. Die einfachen, naturverbundenen Dorfbewohner haben sie wortlos adoptiert und der Canyon tut ihr einfach gut. „Ich würde so gerne mal eine Nacht in der Schlucht verbringen,“ verrät sie mir. Wir kennen uns gerade zwei Stunden. „Aber alleine hätte ich Angst!“ Ohne nachzudenken sage ich: „Ich komm mit!“ Am nächsten Abend wandern wir mit einer undichten Luftmatraze, einer dicken weißen Plastikfolie, Knabbersachen, einer Flasche roten Cote du Rhone, ein paar Jacken und einem Schlafsack vierzig Minuten hinunter zum Ausgang des Canyons. Don Alfonso, von dem man im Dorf erzählt, dass er zur Zeit des nicaraguanischen Befreiungskrieges als Doppelagent für Sandinisten und Contras gearbeitet hat, schickt uns seinen Hund Rosso mit. Der begleitet uns unbeirrt, als könne er die Worte seines alten Herrchens verstehen. Im Laufe der Nacht werden wir seine Anwesenheit noch sehr zu schätzen lernen. Wir kampieren auf dem schmalen weißen Sandstrand neben den drei Booten, die tagsüber die Touristen her schippern: knallgelb, knallgrün, knallrot. Die Farben werden von der hereinstürzenden Nacht ausgewischt. Ein einsamer Hund bellt, weit weg. Rosso sitzt wachsam und hält seine Nase schnuppernd in alle Himmelsrichtungen. Als uns das tiefe Schwarz eingehüllt hat, fängt er mit gefährlich klingender, tiefer Stimme an zu bellen, Richtung Canyon. Es hallt von den Felswänden wider. Wir hören etwas Großes laut ins Wasser klatschen. Ein Mensch? Ein Leguan? So sehr wir uns auch anstrengen, wir können das Schwarz mit unseren Blicken nicht durchdringen. Einen Moment lang bereue ich meine Entscheidung. Wenn uns jemand überfällt, wer könnte helfen? Würde Rosso den Angreifer in die Flucht schlagen? Aber Don Alfonso, der seit 60 Jahren auf diesem Stück Land lebt und jeden Baum und jeden Stein kennt, hätte uns nicht ziehen lassen, wenn es gefährlich wäre. Wir beruhigen uns. Oder besser gesagt, der Rotwein beruhigt uns. Plötzlich irrlichtern Scheinwerferkegel über Flussbett und Felsen. Leise Stimmen sind zu hören. Rosso bellt nicht. Irgendwann sind die Taschenlampenträger in Hörweite, ich rufe laut und fröhlich „Hallo, hier sind wir!“ Flucht nach vorne. Es sind die Männer einer Familie, die in einer Hütte am Eingang des Canyons lebt. Zwei Erwachsene und drei Jungs zwischen sechs und zehn, sie waren bei Sonnenuntergang auf ihren schwer beladenen Eseln an uns vorbeigeritten und hatten uns neugierig beäugt. „Wir gehen fischen!“ erklären sie. Die Boote stoßen unsichtbar ins Wasser. Nach unbestimmter Zeit kommen sie ohne Fang zurück. Wir schenken den Jungs eine Tüte Maschmallows, die wir im Proviant haben. Keine Regung ihrer Gesichter, die wir mit der Taschenlampenfunktion unseres Smartphones beleuchten, verrät, was sie darüber denken. Stille kehrt ein. Der Himmel ist über und über mit Sternen übersät. Wir sehen so viele Sternschnuppen, dass wir mit dem Wünschen nicht hinterherkommen. Lena sagt. „Ich freu mich, dass der Boden so hart ist.“ Bitte schön? Ja, das hat ihr mal ein Freund in Deutschland beigebracht, als sie sich immer über den Regen beschwerte. „Sag: ich freu mich über den Regen! Wenn du es nicht sagst, wird es trotzdem regnen!“ Ein durchschlagendes Argument. Wir drücken kaum ein Auge zu, wir können die Geräusche der Wildnis um uns herum nicht einordnen. Rosso bellt immer wieder, teilweise ausgiebig. „Ich freu mich über den harten Boden!“ sagt Lena. Ich mich auch. Und wir freuen uns über den Beschützer an unserer Seite. Irgendwann besiegt uns die Müdigkeit. Selbst Rosso hat sich zusammengerollt. Um fünf Uhr Morgen wachen wir auf, packen und wandern in den sachte erwachenden Tag.

4 Kommentare

    • Annette sagt

      Lieber Christoph Madel,

      Danke für den „Respekt“!
      Mir war anfangs etwas mulmig vor soooo viel Freiheit… Und jetzt fühle ich mich wie ein Vogel… Flying high !!!

      Liebe Grüsse von der Laguna de Apoyo bei Granada, Nicaragua…

  1. Lena Witt sagt

    Gänsehaut, herzlich lautes lachen, dankbarkeit und eine Träne. Danke für deine schönen Worte die mein Herz erwärmen!

    • Annette sagt

      Liebe Lena,
      wie schön wenn die Frequenzen, die man ins All schickt, empfangen und zurückgesendet werden… Das Leben ist voller Überraschungen, die sich einem enthüllen, wenn man bereit ist hinzulauschen, hinzuschauen, hinzufühlen…
      Alles Liebe,
      Annette

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